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Das erste Lebensjahr des Menschen – Analyse nach Rudolf Steiner (GA 16)

1. Vorbemerkung zur Quelle

GA 16 »Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen« (1912) umfasst acht Meditationen ĂŒber den Weg zur ĂŒbersinnlichen Selbstwahrnehmung. Das Werk ist primĂ€r eine Anleitung zur Geistesschulung des Erwachsenen. Direkte Aussagen ĂŒber das erste Lebensjahr sind selten; das Werk enthĂ€lt jedoch drei bedeutsame Textstellen, in denen der Beginn des Kindheitsbewusstseins, die vorgeburtliche Vorbereitung der Seele und die Analogie zwischen kindlichem Lernen und geistiger Entwicklung behandelt werden.

2. Relevante Textstellen mit Quellenangaben

2.1 Das Kind als Analogie fĂŒr ĂŒbersinnliche Erkenntnisbildung

Steiner beschreibt, wie der Hellseher seinen Vorstellungsapparat umarbeiten muss, und wÀhlt dabei das Kleinkind als Vergleichsbild:

»So wie das Kind die Außenwelt um sich hat, sein Verstandesapparat aber erst im Erleben an der Außenwelt zubereitet werden muß, um sich auch Vorstellungen ĂŒber die Umgebung zu machen; so ist der Mensch im allgemeinen unfĂ€hig, die ĂŒbersinnliche Welt vorzustellen. Der angehende Hellseher vollzieht an seinem Vorstellungsapparat dasselbe auf höherer Stufe, was sich im Kinde vollzieht.«

GA 16, Zeilen 817–824

Das Kind ist hier Urbild eines Lernprozesses, der auf allen Stufen des Menschseins wiederkehrt: Der Vorstellungsapparat muss durch Erfahrung an der jeweiligen Welt – sinnlich oder ĂŒbersinnlich – erst zubereitet werden. Das erste Lebensjahr ist die Zeit, in der dieser Zubereitungsprozess fĂŒr die sinnliche Welt seinen Anfang nimmt.

2.2 Die Grenze des Kindheitsbewusstseins und das vorgeburtliche Ich

Steiner beschreibt eine Meditation, in der man sein Seelenleben rĂŒckblickend bis zum frĂŒhesten Kindheitspunkt verfolgt:

»So steht man, wenn man erinnerungsmĂ€ĂŸig den bezeichneten Zeitpunkt des Kindeslebens erreicht, sich so gegenĂŒber, daß man sich sagt: da hat wohl die Möglichkeit erst begonnen, daß du dich in dir fĂŒhlst und an deinem Seelenleben bewußt arbeitest; dieses dein »Ich« war aber auch vorher da, es hat zwar nicht wissend in dir gearbeitet, aber dich sogar zu deiner WissensfĂ€higkeit wie zu allem andern, wovon du weißt, erst gebracht.«

GA 16, Zeilen 1447–1455

Das Ich, das vor dem Einsetzen der bewussten Erinnerung wirkte, hat das Kind erst zur ErkenntnisfĂ€higkeit gefĂŒhrt. Im ersten Lebensjahr – das vollstĂ€ndig vor dieser Erinnerungsgrenze liegt – arbeitet das Ich am Menschen, ohne dass dieser es bewusst wahrnimmt. Es ist dennoch real und maßgeblich.

2.3 Die Seele bereitet im Geistessein die FĂ€higkeiten des kĂŒnftigen Erdenlebens vor

»Wie man als Mensch jetzt ist, mit diesen oder jenen FĂ€higkeiten, diesen oder jenen Trieben, das sieht man vorbereitet in einem Dasein, welches man vorher in einer rein geistigen Welt verlebt hat. Man schaut sich an, als ein, seinem Eintritt in die Sinnenwelt vorangegangenes geistig lebendes Wesen, das angestrebt hat, mit den FĂ€higkeiten und SeeleneigentĂŒmlichkeiten als Sinnenwesen zu leben, die man an sich trĂ€gt und entwickelt hat seit der Geburt.«

GA 16, Zeilen 1826–1833

Die FĂ€higkeiten, die sich im ersten Lebensjahr entfalten – Greifen, Orientierung im Raum, erste Lautbildungen – sind keine zufĂ€lligen biologischen Prozesse. Sie wurden von der Seele im vorgeburtlichen Geistessein bewusst angestrebt. Das Neugeborene trĂ€gt sie als „Programm“ mit, das aus geistiger Freiheit gewĂ€hlt wurde.

3. Zusammenfassung

GA 16 berĂŒhrt das erste Lebensjahr nur indirekt, aber aufschlussreich:

1. Das Kleinkind ist fĂŒr Steiner das Urbild jedes echten Lernprozesses: Der Vorstellungsapparat muss durch Erfahrung an der jeweiligen Welt zubereitet werden – im Kind fĂŒr die Sinnenwelt, im GeistesschĂŒler fĂŒr die Übersinnliche.
2. Das Ich wirkte bereits vor dem Einsetzen des bewussten GedĂ€chtnisses – also im gesamten ersten Lebensjahr – formend am Menschen. Diese prĂ€bewusste Ich-TĂ€tigkeit ist die eigentliche Grundlage aller spĂ€teren FĂ€higkeiten.
3. Alle Anlagen und Triebe, die das Kind seit der Geburt entwickelt, wurden von der Seele im vorgeburtlichen Geistessein frei gewÀhlt und angestrebt.

Quellennachweis

Rudolf Steiner: Ein Weg zur Selbsterkenntnis des Menschen. In acht Meditationen. GA 16. Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz, 2004. Erstmals erschienen 1912.