GA 24 – Aufsätze über die Dreigliederung des sozialen Organismus und zur Zeitlage 1915–1921
Ersterscheinung: Dornach 1982 (gesammelte Aufsätze)
Befund zum Thema: Das erste Lebensjahr des Menschen
GA 24 enthält in zwei pädagogisch ausgerichteten Aufsätzen Ausführungen zur kindlichen Entwicklung, die explizit mit der Geburt einsetzen.
Fundstelle 1 (im Aufsatz über die Waldorfschule und die Dreigliederung):
«In der Zeit von der Geburt des Menschen bis zum sechsten oder siebenten Lebensjahre ist der Mensch dazu veranlagt, sich für alles, was ihm nächststehende menschliche Umgebung ist, hinzugeben, und aus dem nachahmenden Instinkt heraus die eigenen werdenden Kräfte zu gestalten. Von diesem Zeitpunkte an wird die Seele offen für ein bewußtes Hinnehmen dessen, was vom Erzieher und Lehrer auf der Grundlage einer selbstverständlichen Autorität auf das Kind wirkt.»
Steiner beschreibt hier die Phase von der Geburt bis zum Zahnwechsel (6./7. Lebensjahr) als jene Periode, in der der Nachahmungstrieb die maßgebliche Entwicklungskraft ist. Der werdende Mensch gestaltet seine Kräfte, indem er die menschliche Umgebung nachahmt. Erst mit dem Schulalter tritt an die Stelle des reinen Nachahmens das bewusste Autoritätsverhältnis zum Erzieher.
Fundstelle 2 (im Aufsatz über Geisteswissenschaft und Erziehungskunst):
«Diese Geisteswissenschaft verfolgt, wie sich der Mensch in seinem Kindes- und Jugendalter entwickelt. Sie zeigt, wie die kindliche Natur von der Geburt bis zum Zahnwechsel so geartet ist, daß sie sich aus dem Trieb der Nachahmung entfaltet. Was das Kind sieht, hört usw. erregt in ihm den Trieb, das gleiche zu tun. Wie sich dieser Trieb gestaltet, das untersucht bis ins einzelne die Geisteswissenschaft. Man braucht zu dieser Untersuchung Methoden, die in jedem Punkte das bloße Gesetzes-Denken in das künstlerische Anschauen hinüberleiten.»
Steiner betont, dass die Geisteswissenschaft (Anthroposophie) die kindliche Entwicklung von der Geburt an bis in ihre Einzelheiten untersucht. Der Nachahmungstrieb in der Periode von der Geburt bis zum Zahnwechsel wird als das prägende Prinzip der frühen Kindheit dargestellt. Das Kind ahmt nach, was es in seiner unmittelbaren Umgebung wahrnimmt — ein Vorgang, den Steiner als künstlerisch-anschauend zu erfassen fordert, nicht durch abstraktes Gesetzesdenken.