Kategorie: Allgemein

  • Das erste Lebensjahr des Kindes bei Rudolf Steiner – Umfassende Zitatsammlung

    Einleitung

    Die folgende Sammlung enthĂ€lt alle wesentlichen Aussagen Rudolf Steiners ĂŒber das erste Lebensjahr des Kindes aus der Gesamtausgabe (GA). Steiner betrachtet diese Lebensphase als fundamental fĂŒr die gesamte spĂ€tere Entwicklung des Menschen.


    1. Das erste Jahrsiebt: Zeit der Nachahmung

    GA 310, S. 62 (1924): Der pÀdagogische Wert der Menschenerkenntnis

    „Auf jeder Stufe, auf welcher die menschliche Entwicklung sich abspielt, ist es möglich, dass der Mensch stehenbleibt. Wenn man so die Stufen der Entwicklung schildert – nehmen wir jetzt zu dem, was wir heute anfĂŒhren konnten, noch hinzu die Embryonalzeit, dann diejenige bis zum Zahnwechsel, und dann die Zeit bis zur Geschlechtsreife -, dann haben wir diejenigen Epochen angegeben, welche in einem voll entwickelten Menschenleben sich ausgestalten können.“

    GA 293, S. 43 (1919): Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der PĂ€dagogik

    „Wirken Sie besonders auf die Vorstellungsbildung, wirken Sie einseitig auf die Vorstellungsbildung, so weisen Sie eigentlich den ganzen Menschen auf das Vorgeburtliche zurĂŒck, und Sie werden ihm schaden, wenn Sie ihn rationalistisch erziehen, weil Sie dann seinen Willen einspannen in das, was er eigentlich schon absolviert hat: in das Vorgeburtliche. Sie dĂŒrfen nicht zuviel abstrakte Begriffe in das einmischen, was Sie in der Erziehung an das Kind heranbringen. Sie mĂŒssen mehr Bilder darin einmischen.“


    2. Der SÀugling schmeckt mit dem ganzen Körper

    GA 303, S. 275-276 (1921/22): Die gesunde Entwicklung des Menschenwesens

    „Der Erwachsene hat ja nur noch die Möglichkeit, Geschmacksempfindungen auf seinem Gaumen und dessen Nachbarorganen zu haben. Er hat schon einmal das Malheur, dass alle Geschmacksempfindungen sich nach dem Kopfe hingezogen haben, und dadurch unterscheidet er sich von dem Kinde, das im SĂ€uglingsalter durch und durch Geschmacksorganismus ist, das durch und durch schmeckt. […] Mit welcher intensiven SĂŒĂŸe der ganze physische Organismus des SĂ€uglings durch die Muttermilch durchzogen wird.“

    GA 347, S. 100-101 (1922): Die Erkenntnis des Menschenwesens

    „Im Magen entwickelt sich beim erwachsenen Menschen und auch schon beim siebenjĂ€hrigen Kinde kein Geschmack mehr. Aber der SĂ€ugling, der schmeckt noch im Magen ebenso die Speisen, wie der Erwachsene im Mund die Speisen schmeckt. […] Das Kind fĂŒhlt, denkt aber natĂŒrlich noch nicht; daher kennt es den Geschmack nicht so, wie der erwachsene Mensch seinen Mundgeschmack kennt. Das Kind muss daher solche Nahrungsmittel kriegen, die im Magen drinnen nicht allzuschlecht schmecken.“


    3. Muttermilch: Die „gleiche Quelle“

    GA 310, S. 43 (1924):

    „Das Kind ist es ja schon physiologisch zunĂ€chst darauf angewiesen, nicht unmittelbar von der Ă€ußeren Welt aufgenommen zu werden; denn es bekommt naturgemĂ€ĂŸ die Muttermilch, also nicht schon Nahrungsmittel, die aus der Ă€ußeren Welt aufgenommen werden, sondern solche, die aus derselben Quelle herstammen, aus der das Kind selber stammt.“

    GA 310, S. 45 (1924):

    „Der SĂ€ugling muss die Stoffe der Außenwelt aufnehmen; er muss sie in der Muttermilch vorbereitet aufnehmen. Er muss sozusagen bei dem bleiben, was ihm zunĂ€chst gleichartig ist. Er muss erst in die Außenwelt hineinwachsen.“


    4. Verwandtschaft zwischen Mutter und Kind

    GA 347, S. 83 (1922):

    „Am besten wird daher der SĂ€ugling mit der Milch der eigenen Mutter ernĂ€hrt. Nicht wahr, das Kind geht ja hervor aus dem Leibe der Mutter. Man kann also begreifen, dass es in seinem ganzen Organismus, in seinem ganzen Leib verwandt ist mit der Mutter. Es muss daher am besten dann gedeihen, wenn es nicht gleich, wenn es zur Welt kommt, etwas anderes bekommt als dasjenige, was auch aus dem Leib der Mutter kommt, mit dem es also verwandt ist.“

    GA 347, S. 84 (1922):

    „Allerdings, es kommt ja vor, dass die Muttermilch nicht geeignet ist durch ihre Zusammensetzung. Manche Menschenmilch ist zum Beispiel bitter, manche zu salzig. Da muss dann eine andere ErnĂ€hrung, durch eine andere Persönlichkeit am besten, einsetzen.“


    5. Muttermilch vs. Kuhmilch

    GA 347, S. 26 (1922):

    „Wodurch ist der Mensch ein denkendes Wesen? MilchernĂ€hrung. Eselsmilch. Muttermilch. Abtötung und Wiederbelebung der Nahrung.“

    GA 347, S. 84 (1922):

    „Nun kann ja die Frage entstehen: Kann das Kind nicht gleich vom Anfange an mit Kuhmilch ernĂ€hrt werden? – Nun, da muss man sagen: In den allerersten Zeiten des SĂ€uglingsalters ist die ErnĂ€hrung mit der Kuhmilch nicht sehr gut.“


    6. Die gute Mumie – lebendige Kraft der Mutter

    GA 317, S. 180 (1924): HeilpÀdagogischer Kurs

    „Die Wirkung der Muttermilch besteht darin, dass in der Muttermilch durchaus dasjenige lebt, was in Ă€lteren Betrachtungsweisen genannt worden ist die gute Mumie im Gegensatz zur schlechten Mumie, die in andern Abscheidungsprodukten lebt. Die ganze Mutter lebt in der Muttermilch.“

    GA 317, S. 181 (1924):

    „Und wenn wir uns auf der einen Seite die Muttermilch anschauen und auf der andern Seite uns anschauen dasjenige, was da als von der Pflanze ersehntes Astralisches ĂŒber der Pflanze darĂŒberschwebt, dann ergibt sich fĂŒr eine okkulte Anschauung eine ungeheuer nahe Verwandtschaft zwischen derjenigen AstralitĂ€t, welche mit der Muttermilch aus der Mutter kommt und derjenigen AstralitĂ€t, die aus dem Kosmos an die PflanzenblĂŒte heranschwebt.“


    7. Langzeitfolgen: Was im SĂ€uglingsalter verdorben wird

    GA 347, S. 83 (1922):

    „Wenn die Leber auch schon wĂ€hrend des SĂ€uglingsalters gestört wird, hĂ€lt sie dies noch durch bis zum fĂŒnfundvierzigsten, fĂŒnfzigsten Lebensjahre. Dann zeigt sie sich innerlich verhĂ€rtet und es entstehen die Leberkrankheiten, die manchmal eben so spĂ€t beim Menschen auftreten und die dann eine Folge sind von dem, was wĂ€hrend des SĂ€uglingsalters verdorben worden ist.“


    8. Fallbeispiele aus der HeilpÀdagogik

    GA 317, S. 90 (1924):

    „Der Junge ist nur drei Monate mit Muttermilch ernĂ€hrt worden. Dann vom neunten Monate bis zum dritten Jahre aß er sehr schlecht.“

    GA 317, S. 126 (1924):

    „Das Kind wurde sieben Monate lang mit Muttermilch ernĂ€hrt. Mit einem Jahr hat es gehen gelernt.“

    GA 317, S. 136 (1924):

    „Nun können Sie sich denken, dass Muttermilch nicht unter allen UmstĂ€nden auf ein solches Kind so wirken kann, wie sie auf ein anderes Kind wirkt. Die Muttermilch ist dazu bereitet, dass sie vom Verdauungssystem aus sich in normaler Weise umsetzt bis ins Sinnes-Nervensystem hinein. Daher wurde Anfang MĂ€rz die Muttermilch bei diesem Kinde weggelassen.“


    9. ErnÀhrung und Temperamente

    GA 303, S. 281 (1921/22):

    „Sehen Sie, die Muttermilch am meisten, Milch- und Milchprodukte aber ĂŒberhaupt, wirken so auf den Menschen, dass sie ihre Wirksamkeit in gleichmĂ€ĂŸiger Art auf den ganzen Menschen erstrecken. Alle Organe kommen gewissermaßen in einer gewissen Harmonie zu ihrem Rechte durch Milch und Milchprodukte.“

    GA 310, S. 130 (1924):

    „…es war die Muttermilch zu sĂŒĂŸ, hat zu viel Zuckerstoff enthalten. Und dann setze ich der Mutter auseinander, fĂŒr einige Zeit dem Kinde eine DiĂ€t zu geben, die zuckerĂ€rmer ist als bisher…“


    10. Bewegung und Entwicklung

    GA 303, S. 119 (1921/22):

    „Setzt man es also immer hin und pfropft soviel als möglich in es hinein beim Sitzen, dann verhindert man im Kind, dass die unbewusste Weisheit in ihm wirkt. Denn diese unbewusste Weisheit wirkt ja gerade, wenn es sich tummelt, wenn es mehr oder weniger rhythmische Bewegungen macht; denn der Rhythmus fördert das Sich-Verbinden des Organismus mit der unbewussten Weisheit durch die eigentĂŒmliche Mittelstellung, die dieser rhythmische Organismus zwischen Kopforganisation und Stoffwechsel-Gliedmaßenorganisation angenommen hat.“


    11. Embryonalentwicklung und Geburt

    GA 312, S. 142 (1923): Theorie der ErnÀhrung

    „Es ist ein Zusammenhang da zwischen dem, was an KrĂ€ften, auf den wir gestern als außertellurischen hingewiesen haben, schon da ist, wenn sich der Mensch sogar seiner EmpfĂ€ngnis nĂ€hert, nicht nur seiner Geburt, und dass alles das, was so auf den Menschen wirkt, dann umgekehrte Gegenwirkungen erzeugt, dass also gewisse Prozesse, die eigentlich schon liegen vor der Konzeption, Gegenwirkungen erzeugen nach der Konzeption oder namentlich nach der Geburt.“


    Zusammenfassung

    Nach Rudolf Steiner ist das erste Lebensjahr des Kindes gekennzeichnet durch:

    • Nachahmung als Hauptprinzip der Erkenntnis
    • Ganzkörper-Schmecken des SĂ€uglings
    • Muttermilch als „gleiche Quelle“ zwischen Mutter und Kind
    • Geistig formende KrĂ€fte der Muttermilch
    • Rhythmische Bewegung als Förderung der Weisheit
    • Langzeitfolgen bis ins Erwachsenenalter

    Quellenverzeichnis

    • GA 293: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der PĂ€dagogik (1919)
    • GA 303: Die gesunde Entwicklung des Menschenwesens (1921/22)
    • GA 310: Der pĂ€dagogische Wert der Menschenerkenntnis (1924)
    • GA 312: Theoretische ErnĂ€hrung (1923)
    • GA 317: HeilpĂ€dagogischer Kurs (1924)
    • GA 347: Die Erkenntnis des Menschenwesens (1922)

    Alle Zitate aus der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA).