Einleitung
Das erste Lebensjahr (0–12 Monate) ist nach Rudolf Steiner eine der wichtigsten Phasen im menschlichen Leben. In dieser Zeit legen sich die Grundlagen für die gesamte körperliche, seelische und geistige Entwicklung. Die folgende Sammlung enthält Aussagen aus der Gesamtausgabe (GA), die sich spezifisch auf das erste Lebensjahr beziehen – nicht auf das erste Jahrsiebt (0–7 Jahre).
1. Der Mensch als Sinnesorgan und Plastiker
GA 304, S. 198 (1922): Aufzeichnungen zum Vortrag in Stratford
„0-7. Jahr: Der Mensch bildet sich von seinem Haupte aus; er ist ganz Sinnesorgan und Plastiker.
Kind unter 7 Jahren – Säugling: er schläft viel, weil er dem ganzen Körper nach Sinnesorgan ist – und jedes Sinnesorgan schläft in der Wahrnehmung. – Die Sinne wachen, wenn der Mensch schläft – in ihnen liegen die Geheimnisse der Welt; in den Brustorganen liegen die Geheimnisse des Sonnensystems.
Die Sinne sind nicht zum Wahrnehmen veranlagt, sondern zur Plastik des Organismus.“
2. Die Geburt – Eintritt in die irdische Welt
GA 310, S. 14 (1924): Der pädagogische Wert der Menschenerkenntnis
„Da verfolgt man, wie die Bewegungen, wie das ganze Leben des Kindes immer orientierter und orientierter werden, wie ein Geistig-Seelisches im tiefsten Innern sich an die Oberfläche heranarbeitet. Da fragt man sich mit heiliger Ehrfurcht und Andacht: Was arbeitet sich denn da an die Oberfläche? – Da wird Herz und Sinn zurĂĽckgefĂĽhrt zu dem, was vom Menschen selbst an Geistig-Seelischem da war in der geistig-seelischen, vorirdischen Welt, was aus dieser Welt heruntergestiegen ist in die physische, und man sagt sich: Du Kind, jetzt, nachdem du durch die Geburt ins irdische Dasein eingetreten bist, bist du unter Menschen; vorher warst du unter geistig-göttlichen Wesenheiten.“
GA 317, S. 13 (1924): Heilpädagogischer Kurs
„Sehen wir jetzt ganz ab von diesem Seelenleben, das ja ohnedies erst nach und nach herauskommt, an dem manchmal höchst zweifelhafte Erzieher einen Anteil haben, sehen wir ab von diesem Seelenleben, dann haben wir hinter der Körperlichkeit ein anderes Geistig-Seelisches, ein Geistig-Seelisches, das heruntersteigt zwischen Konzeption und Geburt aus den geistigen Welten.“
3. Der Säugling schmeckt mit dem ganzen Körper
GA 347, S. 100 (1922): Die Erkenntnis des Menschenwesens
„Im Magen entwickelt sich beim erwachsenen Menschen und auch schon beim siebenjährigen Kinde kein Geschmack mehr. Aber der Säugling, der schmeckt noch im Magen ebenso die Speisen, wie der Erwachsene im Mund die Speisen schmeckt.“
GA 347, S. 101 (1922):
„Das Kind fĂĽhlt, denkt aber natĂĽrlich noch nicht; daher kennt es den Geschmack nicht so, wie der erwachsene Mensch seinen Mundgeschmack kennt. Das Kind muss daher solche Nahrungsmittel kriegen, die im Magen drinnen nicht allzuschlecht schmecken.“
4. Die Leber als Sinnesorgan des Säuglings
GA 347, S. 69 (1922):
„Dasjenige, was oftmals erst im fĂĽnfzigsten Jahre auftritt als eine Krankheit, das hat seine Ursache in der ganz frĂĽhen Kindheit.“
GA 347, S. 71 (1922):
„Die Leber nimmt wahr, ob der Sauerkohl, den ich esse, dem Körper nĂĽtzlich oder schädlich ist, ob die Milch, die ich trinke, dem Körper nĂĽtzlich oder schädlich ist. Die Leber nimmt das fein wahr, und die Leber gibt die Galle ab.“
GA 347, S. 83 (1922):
„Wenn die Leber auch schon während des Säuglingsalters gestört wird, hält sie dies noch durch bis zum fĂĽnfzigsten Lebensjahre. Dann zeigen sich Leberkrankheiten, die eine Folge sind von dem, was während des Säuglingsalters verdorben worden ist.“
5. Bewegung und Entwicklung im ersten Jahr
GA 317, S. 90 (1924): Heilpädagogischer Kurs – Fallbeispiel
„Der Junge ist nur drei Monate mit Muttermilch ernährt worden. Dann vom neunten Monate bis zum dritten Jahre aĂź er sehr schlecht. Er konnte auch im zweiten Jahre noch nicht sprechen und noch nicht gehen.“
GA 317, S. 126 (1924):
„Das Kind wurde sieben Monate lang mit Muttermilch ernährt. Mit einem Jahr hat es gehen gelernt.“
6. Geistig-seelische Entwicklung nach der Geburt
GA 293, S. 34-35 (1919): Allgemeine Menschenkunde
„Wir haben uns vorzustellen: Vorstellung auf der einen Seite, die wir als Bild aufzufassen haben vom vorgeburtlichen Leben; Wille auf der anderen Seite, den wir als Keim aufzufassen haben für späteres.
Der Mensch trägt die Kraft der Antipathie in uns und verwandelt durch sie das vorgeburtliche Element in ein bloĂźes Vorstellungsbild.“
GA 310, S. 41 (1924):
„Da sieht man in das vorirdische Leben des Menschen hinauf, das beherrscht wird von denjenigen Bedingungen, die wir uns zwischen dem Tode und unserer neuen Geburt angeeignet haben.“
7. Embryonalzeit und Geburt
GA 312, S. 141 (1923): Theorie der Ernährung
„Es ist ein Zusammenhang da zwischen dem, was an Kräften, auf den wir als auĂźertellurischen hingewiesen haben, schon da ist, wenn sich der Mensch seiner Empfängnis nähert, nicht nur seiner Geburt, und dass alles das, was so auf den Menschen wirkt, dann umgekehrte Gegenwirkungen erzeugt nach der Geburt.“
GA 317, S. 120 (1924):
„Der Kopf war bei der Geburt auffallend klein, was bezeugt, dass die Dinge nicht so sehr gesucht werden dĂĽrfen in einer Schwäche der Nerven-Sinnesorganisation.“
8. Schlaf des Säuglings
GA 347, S. 7 (1922): Inhaltsverzeichnis
„Bildung des Menschen im mĂĽtterlichen Leib. Schlaf des Säuglings. Unbrauchbarwerden des Körpers mit dem Alter.“
9. Bewegung und unbewusste Weisheit
GA 303, S. 119 (1921/22):
„Setzt man es immer hin und pfropft soviel als möglich in es hinein beim Sitzen, dann verhindert man im Kind, dass die unbewusste Weisheit in ihm wirkt. Denn diese unbewusste Weisheit wirkt ja gerade, wenn es sich tummelt, wenn es mehr oder weniger rhythmische Bewegungen macht.“
GA 217, S. 11 (1922): Geistige Wirkenskräfte
„Eine wahre Jugendbewegung wird nicht eine Opposition sein, sondern eine Bewegung, die sich zu den Lehrern hindrängt wie der Säugling zur Mutterbrust.“
Zusammenfassung
Nach Rudolf Steiner ist das erste Lebensjahr (0–12 Monate) gekennzeichnet durch:
- Ganzkörper-Wahrnehmung: Der Säugling nimmt die Welt mit dem gesamten Körper wahr, besonders durch den Geschmackssinn im Magen
- Schlaf als Entwicklungszeit: Der Säugling schläft viel, weil die Sinne im Wachzustand „schlafen“
- Die Leber als Sinnesorgan: Störungen im Säuglingsalter können bis ins 50. Lebensjahr nachwirken
- Nachahmung: Das erste Jahr ist geprägt von der Fähigkeit zur Nachahmung
- Vorgeburtliche Prägung: Die geistig-seelische Konstitution stammt aus dem vorirdischen Dasein
- Bewegung: Rhythmische Bewegung fördert die Verbindung mit der „unbewussten Weisheit“
Quellenverzeichnis
- GA 217: Geistige Wirkenskräfte im Zusammenleben (1922)
- GA 293: Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik (1919)
- GA 303: Die gesunde Entwicklung des Menschenwesens (1921/22)
- GA 304: Erziehungs- und Unterrichtsmethoden (1921/22)
- GA 310: Der pädagogische Wert der Menschenerkenntnis (1924)
- GA 312: Theoretische Ernährung (1923)
- GA 317: Heilpädagogischer Kurs (1924)
- GA 347: Die Erkenntnis des Menschenwesens (1922)
Alle Zitate aus der Rudolf Steiner Gesamtausgabe (GA). Kategorie: Anthroposophie