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Das erste Lebensjahr des Menschen – Analyse nach Rudolf Steiner (GA 11)

1. Vorbemerkung zur Quelle

GA 11 »Aus der Akasha-Chronik« ist eine Sammlung von AufsĂ€tzen, die Steiner zwischen 1904 und 1908 in der Zeitschrift »Lucifer – Gnosis« veröffentlichte. Das Werk behandelt die kosmisch-evolutionĂ€re Geschichte der Menschheit. Direkte Beschreibungen des ersten Lebensjahres im medizinischen Sinn finden sich nicht; stattdessen erscheint das SĂ€uglingsalter als erstes Glied in Steiners zentraler Analogie zwischen individuellem Menschenleben und kosmischer Menschheitsentwicklung. DarĂŒber hinaus enthĂ€lt das Werk bedeutsame Passagen ĂŒber frĂŒhkindliche Erziehung in archaischen Menschheitsepochen sowie ĂŒber die Geburt und Erstentwicklung des Menschen in urzeitlichen Stadien.

2. Relevante Textstellen mit Quellenangaben

2.1 Das SĂ€uglingsalter als erste Stufe der Menschheitsentwicklung – SchlĂŒsselanalogie

Im Kapitel »Von der Herkunft der Erde« stellt Steiner die zentrale Analogie seines kosmologischen Werkes auf: Die Entwicklung der Menschheit folgt denselben Gesetzen wie die Entwicklung des einzelnen Menschen – beginnend mit dem SĂ€uglingsalter:

»Wie der einzelne Mensch von seiner Geburt an verschiedene Stufen durchzumachen hat, wie er aufzusteigen hat vom SĂ€uglingsalter, durch die Kindheit und so weiter bis zum Lebensalter des reifen Mannes oder der reifen Frau, so ist es auch mit der Menschheit im Großen. Sie hat sich durch andere Stufen hindurch zu ihrem gegenwĂ€rtigen Zustande entwickelt.«

GA 11, Kapitel »Von der Herkunft der Erde« (Zeilen 3127–3131)

2.2 SĂ€uglingsalter und Kindheit als ErklĂ€rungsmodell fĂŒr kosmische ÜbergĂ€nge

Steiner prĂ€zisiert die Analogie: Der Übergang zwischen den Lebensaltern des einzelnen Menschen – vom SĂ€uglingsalter durch die Kindheit – verlĂ€uft fließend, wĂ€hrend die kosmischen Entwicklungsstufen durch Unterbrechungen (Pralaya) getrennt sind:

»Nun hat man sich vorzustellen, daß die Entwickelung des Menschen und seines Weltkörpers nicht so allmĂ€hlich verlĂ€uft wie etwa der Durchgang des einzelnen Menschen durch das SĂ€uglings-, Kindheitsalter und so weiter, wo ein Zustand in den andern mehr oder weniger unvermerkt ĂŒbergeht.«

GA 11, Kapitel »Von der Herkunft der Erde« (Zeilen 3168–3173)

2.3 Die sieben Bewusstseinsstufen und das SĂ€uglingsalter als erstes Glied

Die Analogie wird gegen Ende des Buches nochmals aufgegriffen und erweitert:

»Die große Menschheitsentwickelung durch die sieben Bewußtseinsstufen hindurch vom Saturn bis zum Vulkan ist in einer der vorigen Schilderungen mit dem Gang durch das Leben zwischen Geburt und Tod, durch das SĂ€uglingsalter, die Kindheit und so weiter bis zum Greisenalter verglichen worden. Man kann den Vergleich noch weiter ausdehnen. Wie bei der gegenwĂ€rtigen Menschheit sich die einzelnen Lebensalter nicht bloß folgen, sondern auch nebeneinander vorhanden sind, so ist es auch bei der Entfaltung der Bewußtseinsstufen.«

GA 11, abschließende Zusammenfassung (Zeilen 3559–3567)

2.4 Geburt und erste Entwicklung in urzeitlichen Menschheitsstadien

Im Kapitel »Die letzten Zeiten – Geschlechter-Trennung« beschreibt Steiner den Geburts- und FrĂŒhentwicklungsprozess in einer fernen Vergangenheit der Menschheit, in der Neugeborene noch außerhalb des Mutterwesens reifen mussten:

»Der Mensch erschien, wenn er sich von seinem Elternwesen loslöste, zwar schon als gegliederter Organismus, aber unvollkommen. Die Fortentwickelung der Organe fand außerhalb des Elternwesens statt. Vieles von dem, was spĂ€ter innerhalb des Mutterwesens zur Reife gebracht wurde, war damals außerhalb desselben durch eine Kraft vervollkommnet, die mit unserer Willenskraft verwandt ist. Um solche Ă€ußere Reifung zu bewirken, war die Pflege von seiten des Vorfahrenwesens nötig.«

GA 11, »Die letzten Zeiten – Geschlechter-Trennung« (Zeilen 1928–1933)

»Die außer dem Mutterwesen stattfindende Reifung geschah unter dem Einfluss von erhöhter WĂ€rme, die ebenfalls von außen zugefĂŒhrt wurde.«

GA 11, »Die letzten Zeiten – Geschlechter-Trennung« (Zeilen 1942–1943)

2.5 FrĂŒhkindliche Erziehung im Lemurier-Zeitalter

»Auf die Ausbildung des Willens, der vorstellenden Kraft war es bei den Lemuriern abgesehen. Die Kindererziehung war ganz darauf angelegt. Die Knaben wurden in der krĂ€ftigsten Art abgehĂ€rtet. Sie mußten lernen, Gefahren bestehen, Schmerzen ĂŒberwinden, kĂŒhne Handlungen vollziehen.«

GA 11, Lemurier-Kapitel (Zeilen 1286–1288)

»Anders war die MĂ€dchenzucht. Zwar wurde auch das weibliche Kind abgehĂ€rtet; aber es war alles ĂŒbrige darauf angelegt, daß es eine krĂ€ftige Phantasie entwickele. Es wurde zum Beispiel dem Sturm ausgesetzt, um seine grausige Schönheit ruhig zu empfinden.«

GA 11, Lemurier-Kapitel (Zeilen 1295–1300)

2.6 Bildbasierte Kindheitserziehung im Atlantis-Zeitalter

»Deshalb war damals auch aller Unterricht anders als in spĂ€teren Zeiten. Er war nicht darauf berechnet, das Kind mit Regeln auszurĂŒsten, seinen Verstand zu schĂ€rfen. Es wurde ihm vielmehr in anschaulichen Bildern das Leben vorgefĂŒhrt, so daß es spĂ€ter sich an möglichst viel erinnern konnte, wenn es in diesen oder jenen VerhĂ€ltnissen handeln sollte.«

GA 11, Atlantier-Kapitel (Zeilen 574–580)

2.7 Vererbung: Kinder tragen die physischen Charaktere der VĂ€ter

»Jede Rasse vererbt auf folgende durch die physische Entwickelung hindurch ihre sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften. Hier herrscht das Gesetz der Vererbung. Die Kinder tragen in sich die physischen Charaktere der VĂ€ter. DarĂŒber hinaus liegt eine geistig-seelische Vervollkommnung, die nur durch die Entwickelung der Seele selbst vor sich gehen kann.«

GA 11 (Zeilen 1907–1911)

2.8 Querverweis: »Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft«

»Das Genauere ĂŒber alles dieses verfolge man in den Auseinandersetzungen meiner Schrift â€șÜber die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaftâ€č und in meiner â€șTheosophie, Versuch einer ĂŒbersinnlichen Weltbetrachtung und Menschenbestimmungâ€č.«

GA 11, Fußnote (Zeilen 4751–4753)

3. Zusammenfassung

Das SĂ€uglingsalter als kosmologisches Strukturbild

Steiner nutzt das SĂ€uglingsalter als das erste und grundlegendste Glied seiner Entwicklungsanalogie: So wie der Mensch nach der Geburt zunĂ€chst als SĂ€ugling die Welt erlebt – ohne Begriffe, in Bildern und dumpfem LebensgefĂŒhl – so stand die Menschheit in ihren frĂŒhesten kosmischen Phasen (Saturn-Bewusstsein). Das SĂ€uglingsalter reprĂ€sentiert damit den notwendigen ersten Schritt einer gesetzmĂ€ĂŸigen Entwicklung. Diese Analogie wird dreifach explizit gemacht, was ihre zentrale Bedeutung fĂŒr das gesamte Werk unterstreicht.

Die urzeitliche Geburt und Erstentwicklung

In der Beschreibung der frĂŒhen Menschheitsgeschichte schildert Steiner eine Ur-Form des Geburts- und Erstentwicklungsvorgangs: Das Neugeborene der Urzeit kam unvollstĂ€ndig zur Welt und musste unter WĂ€rmezufuhr und Pflege des Vorfahrenwesens außerhalb des Mutterleibs reifen. WĂ€rme und Pflege von außen sind dabei konstitutiv – ein Bild, das an das Beuteltier-Prinzip erinnert.

FrĂŒhkindliche Erziehung in archaischen Epochen

Die Lemurier erzogen ihre Kinder durch physische AbhĂ€rtung und Imaginationsbildung. Die Atlantier wĂ€hlten eine bildbezogene, gedĂ€chtnisbasierte Erziehung, die dem Bewusstseinsstil des noch nicht begrifflich denkenden Kindes entsprach. Beide Formen zeigen, dass die Art der frĂŒhkindlichen PrĂ€gung in der Anthroposophie epochenĂŒbergreifend als wesentlich gilt.

Vererbung und geistig-seelische Eigenentwicklung

Das Vererbungsgesetz bestimmt die körperlichen Ausgangsbedingungen des Kindes bei der Geburt. DarĂŒber hinaus trĂ€gt das Kind eine geistig-seelische Dimension in sich, die einer eigenen Entwicklung bedarf. Diese duale Sichtweise prĂ€gt bereits das erste Lebensjahr.

4. Abschließende Bewertung

GA 11 gewĂ€hrt einen unerwarteten Reichtum an BezĂŒgen zum ersten Lebensjahr. Das SĂ€uglingsalter wird hier zum strukturbildenden Startpunkt eines Gesamtmodells der Menschheitsentwicklung. Steiner verleiht dem frĂŒhen SĂ€uglingsdaseins damit eine kosmologische DignitĂ€t: Es entspricht dem ersten Bewusstseinszustand der Menschheit auf dem alten Saturn – dumpf, bild- und willenshaft, noch ohne Begriff, aber voller keimender Anlage. Das erste Lebensjahr erscheint so als die individuelle Wiederholung des gesamten Weges, den die Menschheit kosmisch bereits durchlaufen hat.

5. Literaturangabe

Steiner, Rudolf: Aus der Akasha-Chronik. Dornach (CH): Rudolf Steiner Verlag, 1986 (6. Aufl.). Bibliographie-Nr. 11. ISBN 3-7274-0110-9. [Quelldatei: 011.pdf]