Das erste Lebensjahr des Menschen
Analyse relevanter Textstellen in Rudolf Steiners GA 13
»Die Geheimwissenschaft im Umriss«
1. Vorbemerkung zur Quelle
GA 13 »Die Geheimwissenschaft im Umriss« ist Steiners umfassendstes systematisches Werk. Es legt die Grundlagen der Anthroposophie dar: die Gliederung der Menschennatur, die kosmische Evolution der Erde, sowie die Erkenntnisschulung. Zum ersten Lebensjahr im medizinischen Sinne finden sich keine direkten Passagen; das Werk enthĂ€lt jedoch grundlegende Aussagen ĂŒber physische Geburt, die HĂŒllenwesen des Kindes, die Einzigartigkeit jeder Kindespersönlichkeit sowie die Leib-Seele-Entwicklung in den ersten Lebensjahren als Fundament fĂŒr das gesamte spĂ€tere Leben.
2. Relevante Textstellen mit Quellenangaben
2.1 Die physische Geburt als Loslösung von der MutterhĂŒlle
In dem Kapitel ĂŒber die ĂŒbersinnliche Erkenntnis der Entwicklung beschreibt Steiner die physische Geburt als ersten einer Reihe von BefreiungsvorgĂ€ngen:
»Die physische Geburt stellt sich dar als eine Loslösung des Menschen von der physischen MutterhĂŒlle. KrĂ€fte, welche der Menschenkeim vor der Geburt mit dem Leibe der Mutter gemeinsam hatte, sind nach der Geburt nur noch als selbstĂ€ndige in ihm selbst vorhanden.«
GA 13, Zeilen 12952â12957
Mit der physischen Geburt wird das Kind zwar von der MutterhĂŒlle physisch befreit, bleibt aber noch von einer Ă€therischen und astralischen HĂŒlle umgeben. Diese schrittweise Befreiung â Ătherleib beim Zahnwechsel, Astralleib zur Geschlechtsreife, Ich noch spĂ€ter â bestimmt die gesamte Kindheitsentwicklung. Das erste Lebensjahr steht ganz im Zeichen der physischen Neugeburt und der Eingewöhnung in die selbstĂ€ndige Leiblichkeit.
2.2 Ătherischer HĂŒllenschutz â das Kind als dreifach umhĂŒlltes Wesen
»Der Mensch ist nĂ€mlich ungefĂ€hr bis zum Zahnwechsel (im sechsten oder siebenten Jahre) in bezug auf seinen Ătherleib von einer Ă€therischen HĂŒlle umgeben. Diese fĂ€llt in diesem Zeitabschnitte des Lebens ab. Es findet da eine âșGeburtâč des Ătherleibes statt. Noch immer bleibt aber der Mensch von einer astralischen HĂŒlle umgeben, welche in der Zeit vom zwölften bis sechzehnten Jahre (zur Zeit der Geschlechtsreife) abfĂ€llt. Da findet die âșGeburtâč des astralischen Leibes statt. Und noch spĂ€ter wird das eigentliche âșIchâč geboren.«
GA 13, Zeilen 12961â12973
Das erste Lebensjahr gehört damit zur Phase zwischen der physischen Geburt und der spĂ€teren »Geburt des Ătherleibes«. Das Kind ist noch vollstĂ€ndig von Ă€therischen und astralischen SchutzhĂŒllen umgeben.
2.3 Die Einzigartigkeit jeder Kindespersönlichkeit
Steiner widerlegt die Annahme, das Wesen eines Kindes sei allein aus Vererbung erklÀrbar:
»Sehet mit Unbefangenheit auf das völlig Neue hin, das mit jeder Kindes-Persönlichkeit gegeben ist; dieses kann nicht von den Eltern kommen, einfach deshalb nicht, weil es in diesen nicht vorhanden ist.«
GA 13, Zeilen 3676â3679
Jedes neugeborene Kind bringt eine IndividualitÀt mit in die Welt, die aus vorherigen Erdenleben stammt. Das erste Lebensjahr ist damit die Zeit der ersten Eingewöhnung dieses vorgeburtlichen Wesens in den ihm neu gegebenen Leib.
2.4 Das Geistig-Seelische durch die Geburt
»Das Geistig-Seelische, welches durch die Geburt in das physische Dasein tritt, entnimmt seine Leiblichkeit dem, was ihm die Vererbung gibt. Damit ist aber noch nichts gesagt, als daĂ ein Wesen die EigentĂŒmlichkeiten des Mittels trĂ€gt, in das es untergetaucht ist.«
GA 13, Zeilen 3698â3703
Die körperlichen Merkmale des Neugeborenen sind Ausdruck des vererbten Leibes. Die darin lebende geistig-seelische Wesenheit aber ĂŒbersteigt diese Vererbungslinie.
2.5 Mutterliebe als physisches und geistiges Band
»Es besteht ein Band der Liebe zwischen Mutter und Kind. Von der Anziehung zwischen beiden, die in KrÀften der Sinnenwelt wurzelt, geht diese Liebe aus. Aber sie wandelt sich im Laufe der Zeiten. Aus dem sinnlichen Bande wird immer mehr ein geistiges.«
GA 13, Zeilen 3544â3549
Im ersten Lebensjahr ist das Band zwischen Mutter und Kind noch stark im Physisch-Sinnlichen verwurzelt â eine Fortsetzung der vorgeburtlichen leiblichen Verbindung.
2.6 Karma und Geburt: Das Schicksal am Lebensanfang
»Man sieht den einen Menschen in Not und Elend geboren, mit nur geringen Begabungen ausgestattet […] Der andere wird von dem ersten Augenblicke seines Daseins an von sorgenden HĂ€nden und Herzen gehegt und gepflegt.«
GA 13, Zeilen 3612â3619
Die Verschiedenheit der GeburtsumstĂ€nde ist fĂŒr Steiner Ausdruck karmischer ZusammenhĂ€nge aus frĂŒheren Leben.
2.7 Tier und Mensch â die Bedeutung der Erziehbarkeit
»Man sehe, wie das junge KĂŒchlein Lebensverrichtungen von Geburt an in bestimmter Art vollzieht. An den Menschen aber tritt durch die Erziehung mit seinem Innenleben etwas in ein VerhĂ€ltnis, was ohne alle Beziehung zu einer Vererbung stehen kann.«
GA 13, Zeilen 3910â3918
Das Menschenkind ist in höchstem MaĂe formbar und erziehbar â ein Zeichen der in ihm wirkenden ĂŒbersinnlichen KrĂ€fte.
2.8 Das einjĂ€hrige Kind als Analogie fĂŒr kosmische UrzustĂ€nde
»[…] wie im Anblick des fĂŒnfzigjĂ€hrigen Menschen der des einjĂ€hrigen Kindes.«
GA 13, Zeilen 4317â4320
Das erste Lebensjahr erscheint als eine Art »Saturn-Zustand« der menschlichen Biographie â ein ursprĂŒnglicher Ausgangspunkt, aus dem alles SpĂ€tere hervorgeht.
2.9 Vergessen als Lernprinzip
»Alle Einzelheiten, welche das Kind zu durchleben hat, um schreiben zu lernen, werden vergessen. Was bleibt, ist die FÀhigkeit des Schreibens.«
GA 13, Zeilen 1812â1820
Das Kind vergisst die unzĂ€hligen Einzelerlebnisse beim Erlernen des Laufens, der Sprache, des Greifens â und genau dadurch verwandeln sie sich in bleibende FĂ€higkeiten.
2.10 Vom Lallen des Kindes lernen
»Von jedem Luftzug, von jedem Baumblatt, von jeglichem Lallen eines Kindes kann man lernen, wenn man bereit ist, einen Gesichtspunkt in Anwendung zu bringen, den man bisher nicht in Anwendung gebracht hat.«
GA 13, Zeilen 10182â10187
Das Lallen des kleinen Kindes ist fĂŒr den GeistesschĂŒler eine Quelle echter Erkenntnis â Symbol unbefangener Weltoffenheit.
3. Zusammenfassung
GA 13 enthĂ€lt kein eigenes Kapitel zum ersten Lebensjahr, wohl aber das kosmologische und anthroposophische Fundament dafĂŒr:
1. Die physische Geburt ist nur der erste Befreiungsvorgang â das Neugeborene bleibt von Ă€therischen und astralischen HĂŒllen geschĂŒtzt.
2. Jede Kindespersönlichkeit trĂ€gt eine prĂ€existente IndividualitĂ€t aus frĂŒheren Erdenleben.
3. Das Mutter-Kind-Band wandelt sich vom Sinnlichen zum Geistigen.
4. Die GeburtsumstÀnde sind karmisch bedingt, nicht zufÀllig.
5. Der Mensch ist im Gegensatz zum Tier von Geburt an erziehbar und formbar.
6. FrĂŒhkindliches Vergessen ist das Wirkungsprinzip des Lernens.
7. Das Lallen des SĂ€uglings ist ein Erkenntnissymbol fĂŒr den GeistesschĂŒler.
Quellennachweis
Rudolf Steiner: Die Geheimwissenschaft im Umriss. GA 13. Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz, 1989. Zuerst erschienen 1910.