GA 60: Antworten der Geisteswissenschaft auf die großen Fragen des Daseins
Fünfzehn öffentliche Vorträge, Berlin 1910/1911
Inhaltsbefund: GA 60 enthält mehrere Passagen mit direktem Bezug zur frühen Kindheit und zum ersten Lebensabschnitt: frühe Kindheitsamnese, die Plastizität des Gehirns nach der Geburt, die Sprache als Bildner des Gehirns, die Bedeutung der frühesten Kindheitseindrücke für die spätere Seelenentwicklung, das Spiel als wesensgemäße Betätigung sowie der Nachahmungstrieb als erste erziehliche Grundlage.
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Passage 1: Frühe Kindheitsamnese – die allererste Kindheit
„Es gibt einen Punkt im persönlichen Menschenleben, der sehr leicht dahin führen kann, über diese Frage Ansichten zu gewinnen, das ist der folgende. Sie wissen alle, daß es im heutigen normalen Menschenleben eine Zeit gibt, an die das spätere Leben hindurch keine Erinnerung vorhanden ist. Das ist die Zeit der allerersten Kindheit.“
„Wer viele Kindesleben betrachtet, wird daraus eine Beobachtung machen können. […] Aus der Beobachtung der kindlichen Seele wird man das Resultat gewinnen können, daß die Erinnerung genau so weit zurückgeht, bis sie den Zeitpunkt [des Ich-Erwachens] erreicht hat.“
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Passage 2: Sprache als Bildner des Gehirns – Plastizität nach der Geburt
„Der geistig-seelische Inhalt, der in die Sprache gekleidet an uns von der Geburt an herantritt, ist nicht etwas, was aus dem Inneren des Menschen herausdringt […], sondern die Sprache ist etwas, was an dem Menschen arbeitet. Sie ist wirklich wie ein Plastiker, der gleichsam das Gehirn formt. Wir können diese Formung des Gehirns in den ersten Zeiten, ja Jahre hindurch, auch äußerlich wissenschaftlich wohl verfolgen.“
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Passage 3: Die ersten Kindheitseindrücke formen die Seele
„Wer würde das nicht zugeben, wenn er wirklich unbefangen die Entwicklung eines Kindes in den ersten Lebensjahren beachtet. […] Wichtiger ist es, was man in den ersten Jahren vergessen hat, was uns formt und bildet im Seelenwesen, als gewöhnlich zugestanden wird.“
„Denn wie die ersten Kindheitseindrücke sind, ob wir Freudiges oder Trauriges erleben, Liebe oder Gleichgültigkeit, diese oder jene äußeren Eindrücke, davon hängt unendlich mehr, als der Mensch im späteren Leben vermag, von der Gesamtstimmung und der gesamten Verfassung seiner Seele ab, als man gewöhnlich annimmt.“
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Passage 4: Das plastische Gehirn – erste Lebensjahre als entscheidende Bildungszeit
„Daher tritt plastisch bestimmbar, formbar sein Geistesorgan, das Gehirn, ins Dasein, und wird daher im Grunde genommen erst nach der Geburt mit den letzten entscheidenden Bahnen, Linien und Richtungen versehen, wie sich die Anlagen ausleben sollen.“
„Da finden wir in den ersten Lebensjahren des Menschen von ganz besonderer Wichtigkeit, daß wir ihm sozusagen seine Fähigkeiten erhalten, plastisch, bildsam einzugreifen in seine körperliche oder leiblich-seelische Organisation. […] Am meisten versperren wir einem Menschen diese Möglichkeit, wenn wir ihn zu früh mit Begriffen und Ideen vollpfropfen.“
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Passage 5: Das Spiel als wesensgemäße Betätigung in den ersten Jahren
„Der Erzieher-Instinkt der Menschheit hat schon durch das allgemeine Bewußtsein ein wunderbares Mittel geschaffen, wodurch der Mensch in den ersten Jahren in die Möglichkeit versetzt wird, an dem Veränderlichen, Modifizierbaren, Beweglichen des Geistig-Seelischen zu arbeiten, so daß freier Spielraum für die Ausgestaltung des Menschenwesens gelassen wird. Das ist das Spiel.“
„Spiel und die eben charakterisierte geistig-seelische Betätigung für das Kind in den ersten Jahren entspringen einem tiefen Bewußtsein dessen, was die Natur und Wesenheit des Menschen eigentlich ist.“
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Passage 6: Nachahmungstrieb – erste Erziehungsgrundlage, Vorbild statt Theorie
„Worauf man besonders in den ersten Lebensjahren zu sehen hat, daß nicht Theorien, Lehren entwickelt werden, sondern daß das Kind zur Nachahmung angehalten wird, daß man ihm vorlebt, was es nachleben soll. Das ist von unendlicher Wichtigkeit, weil dieser Nachahmungstrieb als eine der allerersten Anlagen auftritt, auf die man wirken kann. Die Ermahnungen und Lehren wirken in dieser Zeit am wenigsten.“
„Wir legen den ersten Grundstock für das ganze persönliche Wesen des Kindes, wenn wir ihm in den ersten sieben Jahren vorleben, was es nachleben darf, wenn wir erraten, wie wir uns in der Umgebung des Kindes benehmen müssen.“
„Es genügt nicht, daß man es vor den Kindern verschweigt und sich Gedanken gestattet, die nicht für das Kind sein sollten, sondern unsere Gedanken müssen so ausgelebt werden, daß wir das Gefühl haben: das darf in dem Kinde weiterleben und soll weiterleben.“
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