GA 62: Ergebnisse der Geistesforschung
Vierzehn öffentliche Vorträge, Berlin 1912/1913
Inhaltsbefund: GA 62 enthält Passagen über die frühe Kindheit: frühe Kindheitseindrücke und ihre tiefwirkende Bedeutung für das spätere Seelenleben, der Schlaf des Kindes als Zustand formender Geisteskräfte, die unbewußte Formung der Gehirnorganisation in den ersten Kindheitsjahren sowie die kontinuierliche Realität des Ich auch vor dem Ich-Bewußtsein.
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Passage 1: Frühe Kindheitseindrücke – tiefwirkend und formend
„Haben wir nicht damit einen Anfang gemacht, das erste Kindheitsleben zu erforschen, jenes Kindheitsleben, an das man sich später nicht zurückerinnert? […] Man hat aber die folgende Entdeckung gemacht: Ein solcher Maler malt mit einer ganz besonderen Farbenstimmung, bevorzugt einen bestimmten Gesichtsausdruck und so weiter nach einer ganz bestimmten Richtung. Geht man dem nach, so findet man, daß er in seinen ersten Kinderjahren zum Beispiel in seinem Zimmer eine Büste sah und daß eine besondere Art, wie das Licht immer darauf fiel, sich in die Seele des Kindes eingegraben hat. Das tritt dann später wieder auf.“
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Passage 2: Schlaf des Kindes – dumpfer Bewußtseinszustand und Körperformung
„Die Geisteswissenschaft zeigt nun, daß sowohl während des gewöhnlichen Schlafzustandes wie auch während des dumpfen Bewußtseinszustandes des Kindes diejenigen Kräfte, welche zum bewußten Erleben verwendet werden, in den Organismus hineingeschickt werden und dort arbeiten. Die Kräfte, die wir vom Aufwachen bis zum Einschlafen verwenden, um Vorstellungen, Empfindungen und so weiter zu bilden, dieselben Kräfte arbeiten während des Schlaflebens an uns […] sie formen, sie gestalten.“
„Weil wir im Beginne des Lebens, bevor der Augenblick eintritt, bis zu welchem wir uns später zurückerinnern können, dieselben Kräfte, die in uns leben und unser Bewußtsein ausfüllen, in den ersten Kindheitsjahren zur feineren Ausgestaltung und Formung der Gehirnorganisation und der Blutzirkulation verwenden, deshalb entziehen sie sich dem bewußten Ich.“
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Passage 3: Das Ich ist in der Kindheit vorhanden – auch ohne Bewußtsein
„Das Ich ist vorhanden während der Kindheit […] Ich-Bewußtsein, Selbstbewußtsein sind so, daß das allmähliche Wissen um das Ich, wie es sich heranentwickelt, nichts zu tun hat mit der Realität des Ichs selber. Vielmehr, weil sich das Ich, die menschliche Wesenheit, kontinuierlich fortentwickelt von den Zeiten, da es im Kinde noch nicht bewußt ist, bis zu den Zeiten, in welchen es dann bewußt erlebt wird, deshalb können wir nicht sagen: Es ist nicht da! Es ist da, es gestaltet den Menschen aus in seiner feineren Gliederung.“
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