GA 63: Geisteswissenschaft als Lebensgut
Zwölf öffentliche Vorträge, Berlin 1913/1914
Inhaltsbefund: GA 63 enthält eine ausführliche Passage über die allererste Kindheitsentwicklung: das traumhafte, dumpfe Bewußtsein des ersten Kindheitsalters, die plastisch bildende Tätigkeit der Geisteskräfte am Organismus, das vollständige Einfließen aller Seelenkräfte in den Leibesaufbau sowie das Bild vom Spiegel als Erklärung für das Entstehen des Selbstbewußtseins am Wendepunkt der frühen Kindheit.
—
Passage 1: Traumhaftes Bewußtsein in der allerersten Kindheit
„Da sehen wir, wie der Mensch in der allerersten Kindheitsentwickelung etwas wie ein traumhaftes Leben lebt, etwas lebt, wie ein Leben, welches sich die volle Deutlichkeit des Ich-Bewußtseins, die volle Deutlichkeit des Sich-Erinnerns an Erlebnisse erst aneignen muß. Ein dumpfes Bewußtsein ist dasjenige des ersten Kindheitsalters. Der Mensch schläft oder träumt sich sozusagen in das Dasein herein.“
—
Passage 2: Die geistigen Kräfte arbeiten plastisch am Organismus
„Wenn der Geistesforscher das Kind betrachtet, bevor es an diesen Wendepunkt gekommen ist, dann schaut er, wie die geistigen Kräfte, die aus der geistigen Welt heruntergekommen sind und den Organismus ergriffen haben, um ihn plastisch durchzubilden in Gemäßheit der früheren Erdenleben, voll arbeiten an dem ganzen Organismus. Und weil die Gesamtheit der geistigen Kräfte, welche die Seele des Menschen ausmachen, sich in alles ergießt, was im Organismus lebt und webt, was den Organismus bildet und aufbaut und ihn so organisiert, daß er später das Werkzeug des selbstbewußten Wesens werden kann, weil also alles an Kräften in der Seele zum Aufbau dieses Organismus verwendet wird, deshalb bleibt nichts zurück, was im allerersten Kindheitsalter irgendwie ein deutliches Selbstbewußtsein ergeben könnte.“
—
Passage 3: Das Spiegelbild – Entstehung des Selbstbewußtseins
„So ist es beim Kinde in seinem ersten Lebensalter: es kann kein Selbstbewußtsein entwickeln, weil alles, was an Seelenkräften vorhanden ist, so durchgeht, wie die Lichtstrahlen durch das bloße Glas. Erst von dem Augenblicke an, wo sich der Organismus in sich selber verfestigt hat, wird ein Teil der Seelenkraft zurückgeworfen, so wie die Lichtstrahlen von der Spiegelscheibe zurückgeworfen werden. Da reflektiert sich das Seelenleben in sich selber; und das sich in sich selber reflektierende Seelenleben, das sich in sich selbst erlebt, ist das, was als Selbstbewußtsein aufglänzt.“
—
Beitrag mit 3 Passagen veröffentlicht als Post ID 168.