Rudolf Steiner, GA 65: „Aus dem mitteleuropäischen Geistesleben“. Fünfzehn öffentliche Vorträge, gehalten zwischen dem 2. Dezember 1915 und dem 15. April 1916 im Architektenhaus zu Berlin. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2000.
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Passage 1
Vortrag IX: „Wie werden die ewigen Kräfte der Menschenseele erforscht?“, Berlin, 11. Februar 1916
(S. ca. 383)
„Man ist in den Kräften drinnen, die den Denkapparat nicht gebrauchen, um ein Vorstellungsleben zu entwickeln, sondern Kräften, die den Denkapparat erst bilden und fertig ausbilden erst im Grunde genommen im Leben nach der Geburt. Denn das innere Nervenleben, das innere Nervenweben wird ja erst ausziseliert, ausplastiziert im Verlauf der ersten Jahre und noch lange darüber hinaus, wenn wir unser physisches Dasein betreten haben. Man ist in den Kräften drinnen, die als plastische Kräfte diesen Menschen innerlich formen, damit er das werden kann, was er ist; damit er ein Geschöpf seines geistig-seelischen Selbstes ist.“
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Passage 2
Vortrag XIV: „Die deutsche Seele in ihrer Entwickelung“, Berlin, 13. April 1916
(S. ca. 595–596)
„Für den Geistesforscher ist es klar, daß sich in der menschlichen Entwickelung bis zum Zahnwechsel hin Geistig-Seelisches, nun sagen wir, aus seinem Inneren heraus drängt […] und durchtränkt, gewissermaßen physiognomiert das Stoffliche, das Materielle.“
„Will man finden, was da im Mädchen drinnen steckt und die Organe gleichsam plastisch formt, dann muß man zunächst den Blick wenden auf gewisse Eigentümlichkeiten, aber innere Eigentümlichkeiten […] dann kommt man darauf, daß sich das beim Mädchen bis zum Zahnwechsel hin in das Körperliche hineinpreßt, drängt. Wie sich das Körperliche auskonfiguriert, wie es sich plastisch bildet, darinnen wirkt und lebt dasjenige, was in späteren Jahren erst als Seelenkonfiguration in der angedeuteten Art zum Vorschein kommt.“
„Betrachten wir nun den Knaben bis zum siebenten Jahre ungefähr, bis zum Zahnwechsel. […] Wenn wir uns das, was in diesem Zeitraum seelisch zum Vorschein kommt, zu einer Vorstellung bilden und dann dasjenige ins Auge fassen, was drängt und treibt zur ganzen physiognomischen Ausgestaltung, gesetzmäßigen Ausgestaltung und Plastizierung des Knabenleibes, dann kommt man zu einem gewissen Verständnisse des Zusammenhanges zwischen dem Äußerlich-Leiblichen und dem Seelisch-Geistigen.“
„[D]asjenige, was später seelisch, also in dem verfeinerten seelisch-geistigen Zustande, in dem verinnerlichten Zustande zum Vorschein kommt, zunächst im dumpfen Unterbewußten formend, belebend auf den Menschen wirkt, so wie er uns als physischer Mensch entgegentritt.“