1. Vorbemerkung zur Quelle
Die vorliegende Analyse basiert auf Rudolf Steiners Hauptwerk »Theosophie« (Rudolf Steiner Verlag, Dornach/CH, 1987). Das Buch behandelt die dreifache Natur des Menschen – Körper (Leib), Seele und Geist – und enthält mehrere bedeutsame Stellen, die das frühe Kindheitserleben, insbesondere die geistig-seelische Entwicklung im Kleinstkind- und Säuglingsalter, beleuchten. Da es sich um ein philosophisch-geisteswissenschaftliches Werk handelt, finden sich die relevanten Aussagen zum ersten Lebensjahr eingebettet in übergreifende Darstellungen der Menschennatur.
2. Relevante Textstellen mit Quellenangaben
2.1 Geburt des Selbstbewusstseins im frühen Kindesalter
Steiner schildert anhand eines berühmten Zitats des Dichters Jean Paul den Moment, in dem das Kind zum ersten Mal ein Bewusstsein von sich selbst als eigenständiges Wesen erlangt – das Erwachen des »Ich«. Er beschreibt zudem, wie kleine Kinder in der Vorstufe dieses Bewusstseins von sich selbst in der dritten Person sprechen:
»Im Laufe der Kindheitsentwickelung tritt im Leben des Menschen der Augenblick ein, in dem er sich zum erstenmal als ein selbständiges Wesen gegenüber der ganzen übrigen Welt empfindet. Fein empfindenden Menschen ist das ein bedeutsames Erlebnis. Der Dichter Jean Paul erzählt in seiner Lebensbeschreibung: ›Nie vergeß‘ ich die noch keinem Menschen erzählte Erscheinung in mir, wo ich bei der Geburt meines Selbstbewußtseins stand, von der ich Ort und Zeit anzugeben weiß. An einem Vormittag stand ich als ein sehr junges Kind unter der Haustür und sah links nach der Holzlege, als auf einmal das innere Gesicht, ich bin ein Ich, wie ein Blitzstrahl vom Himmel auf mich fuhr und seitdem leuchtend stehenblieb: da hatte mein Ich zum erstenmal sich selber gesehen und auf ewig.‹«
Rudolf Steiner, Theosophie, S. 48 (Zeilen 808–819)
Unmittelbar im Anschluss erläutert Steiner das Verhalten kleiner Kinder, bevor dieses Selbstbewusstsein erwacht ist:
»Es ist bekannt, daß kleine Kinder von sich sagen: ›Karl ist brav‹, ›Marie will das haben‹. Man findet es angemessen, daß sie von sich so wie von andern reden, weil sie sich ihrer selbständigen Wesenheit noch nicht bewußt geworden sind, weil das Bewußtsein vom Selbst noch nicht in ihnen geboren ist.«
Rudolf Steiner, Theosophie, S. 48–49 (Zeilen 820–823)
2.2 Ergänzende Erläuterung zur Ich-Entwicklung im Kindesalter
In den abschließenden »Einzelnen Bemerkungen und Ergänzungen« vertieft Steiner seine Aussagen zur Entwicklung des Ich-Gefühls im frühen Kindesalter und betont, dass nicht das frühe Gebrauchen des Wortes »Ich« entscheidend ist, sondern das Verknüpfen des Wortes mit der entsprechenden inneren Vorstellung:
»Wenn gesagt wird, kleine Kinder sagen: ›Karl ist brav‹, ›Marie will das haben‹, so muß wohl beachtet werden, daß es weniger darauf ankommt, wie früh Kinder das Wort ›Ich‹ gebrauchen, als darauf, wann sie mit diesem Worte die entsprechende Vorstellung verknüpfen. […] Doch deutet der zumeist späte Gebrauch des Wortes allerdings auf eine wichtige Entwickelungstatsache hin, nämlich auf die allmähliche Entfaltung der Ich-Vorstellung aus dem dunklen Ich-Gefühl heraus.«
Rudolf Steiner, Theosophie, S. 199 (Zeilen 4317–4324)
2.3 Das Kind als lernendes Wesen – Empfindung und Denken
Steiner erläutert am Beispiel eines kleinen Kindes, wie die Wechselwirkung zwischen Sinneserfahrung und Denken im Frühkindlichen wirkt:
»Das Kind, das sich verbrannt hat, denkt nach und gelangt zu dem Gedanken: ›das Feuer brennt‹.«
Rudolf Steiner, Theosophie, S. 43 (Zeilen 686–687)
»Die Reize der Außenwelt empfindet auch das Kind als Antrieb des Willens, die Gebote des sittlich Guten gehen ihm aber nur im Laufe der Entwickelung auf, indem es im Geiste leben und dessen Offenbarung verstehen lernt.«
Rudolf Steiner, Theosophie, S. 53 (Zeilen 910–912)
2.4 Vererbung und geistige Eigenständigkeit – vor und nach der Geburt
»Meine Arbeit an mir [kann] nicht bei meiner Geburt begonnen haben. Ich muß als geistiger Mensch vor meiner Geburt vorhanden gewesen sein.«
Rudolf Steiner, Theosophie, S. 73 (Zeilen 1448–1449)
»Es gehört zu den bedenklichsten Vorurteilen, wenn man die geistigen Eigenschaften eines Menschen durch Vererbung von Vater oder Mutter oder anderen Vorfahren erklären will.«
Rudolf Steiner, Theosophie, S. 75 (Zeilen 1498–1499)
2.5 Die Mutterliebe als natürlichster Selbstlosigkeitsimpuls
»Es gibt eine rein natürliche Aufopferungsfähigkeit, die sich schon im Tierreiche im hohen Grade findet. In der natürlichen Mutterliebe findet diese Ausbildung eines animalischen Triebes ihre schönste Vollendung. Diese selbstlosen Naturtriebe kommen in der ersten Aura in hellrötlichen bis rosaroten Farbennuancen zum Ausdruck.«
Rudolf Steiner, Theosophie, S. 169–170 (Zeilen 3635–3638)
2.6 Der Ätherleib und die physische Erneuerung des Kindeskörpers
»Innerhalb einiger Jahre erneuert sich die Stoffmasse, die unsern physischen Körper zusammensetzt, vollständig. Daß diese Stoffmasse die Form des menschlichen Körpers annimmt und daß sie innerhalb dieses Körpers sich immer wieder erneuert, das hängt davon ab, daß sie von dem Ätherleib zusammengehalten wird. Und dessen Form ist nicht allein durch die Vorgänge zwischen Geburt – oder Empfängnis – und Tod bestimmt, sondern sie ist von den Gesetzen der Vererbung abhängig, die über Geburt und Tod hinausreichen.«
Rudolf Steiner, Theosophie, S. 77–78 (Zeilen 1557–1564)
2.7 Kindheitserlebnisse und ihre bleibenden Früchte
»Man erinnert sich nicht aller Erlebnisse, die man in der Kindheit durchgemacht hat, während man sich die Kunst des Lesens und des Schreibens angeeignet hat. Aber man könnte nicht lesen und schreiben, wenn man diese Erlebnisse nicht gehabt hätte und ihre Früchte nicht bewahrt geblieben wären in Form von Fähigkeiten.«
Rudolf Steiner, Theosophie, S. 68 (Zeilen 1325–1328)
3. Zusammenfassung
Rudolf Steiners »Theosophie« enthält keine explizit medizinisch ausgerichteten Kapitel über das erste Lebensjahr, bietet jedoch aus geisteswissenschaftlicher Perspektive tiefgreifende Einsichten über das frühe Menschenleben:
Das Erwachen des Selbstbewusstseins
Das herausragendste Thema ist das Erwachen des Ich-Bewusstseins im frühen Kindesalter. Steiner beschreibt – unterstützt durch Jean Pauls Selbstzeugnis – den Moment, in dem ein Kind erstmals sich selbst als eigenständiges Wesen erkennt. Vor diesem Entwicklungsschritt spricht das Kind von sich in der dritten Person, da das Selbstbewusstsein noch nicht geboren ist. Entscheidend ist nicht, wann das Kind das Wort »Ich« übernimmt, sondern wann es beginnt, dieses Wort mit der inneren Vorstellung der eigenen Selbstheit zu verbinden – die »allmähliche Entfaltung der Ich-Vorstellung aus dem dunklen Ich-Gefühl heraus«.
Empfindung, Wille und sittliche Entwicklung
Das Neugeborene und das Kleinkind sind von Beginn an empfindungsfähige Wesen: sie nehmen äußere Reize wahr und reagieren darauf mit Willensimpulsen. Die eigentlich geistig-sittliche Dimension des Lebens erschließt sich dem Kind jedoch erst im Laufe der Entwicklung.
Vererbung und individuelle Geistigkeit
Steiner betont mit Nachdruck, dass das Kind zwar physische Eigenschaften von den Eltern erbt, dass aber seine eigentliche geistige Wesenheit nicht aus der Vererbung stammt. Der Geist des Menschen hat eine über die Geburt hinausreichende Existenz. Das neugeborene Kind bringt eine geistige Individualität mit, die aus früheren Erdenleben geformt ist.
Ätherleib und körperliche Erneuerung
Von Geburt an wirkt im Kind der sogenannte Ätherleib oder Lebensleib, der die physische Substanz in der Form des menschlichen Körpers hält und ständig erneuert. Diese Kraft geht über die rein physikalischen Vorgänge hinaus und ist für die organische Gestaltung verantwortlich.
Mutterliebe als selbstloser Naturimpuls
Die natürliche Mutterliebe, die während des ersten Lebensjahres die primäre Bindungsgrundlage bildet, beschreibt Steiner als höchste Ausprägung selbstloser Naturkraft – in seiner Auralehre sichtbar in hellroten bis rosaroten Farbtönen der »ersten Aura«.
Bleibende Wirkung frühkindlicher Erlebnisse
Kindheitserlebnisse, auch wenn sie dem Gedächtnis später entgleiten, wirken als Fähigkeiten im Geist des Menschen fort. Die frühkindlichen Erfahrungen – darunter jene des ersten Lebensjahres – bilden die unsichtbare, aber formgebende Grundlage für das spätere Lernen und die persönliche Entwicklung.
4. Abschließende Bewertung
Rudolf Steiners Aussagen zum ersten Lebensjahr sind nicht empirisch-naturwissenschaftlicher, sondern geisteswissenschaftlich-anthroposophischer Natur. Sie eröffnen eine Betrachtungsweise, in der das neugeborene Kind als ein dreifaches Wesen – aus Leib, Seele und Geist – beschrieben wird, das von Anfang an eine über die biologische Vererbung hinausgehende individuelle Wesenheit mit sich bringt. Das erste Lebensjahr ist in dieser Sicht die Zeit, in der der physische Leib seine unmittelbarste Prägung durch den Lebensleib erfährt, in der die ersten Empfindungen und Willensimpulse erwachen, in der sich die Mutterliebe als Urschutz des Kindes entfaltet, und in der – noch im verborgenen Dunkel – das Ich-Gefühl zu keimen beginnt.
5. Literaturangabe
Steiner, Rudolf: Theosophie. Einführung in übersinnliche Weltanschauung und Menschenbestimmung. Dornach (CH): Rudolf Steiner Verlag, 1987 (Taschenbuchausgabe). [Quelldatei: 009.txt]