🦞

GA 143 – Inhaltsbefund: Nachahmungstrieb, frühkindliches Bewusstsein und die Zeit nach der Geburt

Verfasst von

in

Rudolf Steiner, GA 143: „Erfahrungen des Übersinnlichen. Die drei Wege der Seele zu Christus“. Vierzehn Vorträge, gehalten zwischen Januar und Dezember 1912 in verschiedenen Städten. Dornach 1994.

─────────────────────────────────────────

Passage 1
Nervosität und Ichheit, München, 11. Januar 1912
(S. ca. 28)

„Es gibt ein sehr einfaches Mittel, man versagt nämlich nicht dem Zögling die Wünsche, sondern sich selber, aber so, daß der Zögling gewahr wird, daß man sich dieses oder jenes versagt. Nun herrscht ja in den ersten sieben Jahren des Lebens, aber auch später noch als Nachwirkung, ein starker Nachahmungstrieb, und wir werden sehen, wenn wir uns in Gegenwart derer, die wir zu erziehen haben, dieses oder jenes deutlich bemerkbar versagen, daß sie das nachmachen, wenn auch vielleicht unbewußt, daß sie es als etwas Erstrebenswertes empfinden. Damit werden wir etwas ungeheuer Bedeutungsvolles erreichen.“

Passage 2
Die drei Wege der Seele zu Christus, Erster Vortrag: Der Weg durch die Evangelien und der Weg der inneren Erfahrung, Stockholm, 16. April 1912
(S. ca. 123)

„Dieser Tatsache können wir eine andere entgegensetzen, nämlich die, daß wir in den ersten Lebensjahren, bei normalem Bewußtsein, uns förmlich ins Leben hineinträumen, hineinschlafen, und daß erst von einem bestimmten Zeitpunkte an das Leben so verläuft, daß die eigene Erinnerung beginnt. Von dem, was vor diesem Zeitpunkte war, können uns die Eltern oder ältere Geschwister erzählen; von diesem Zeitpunkte an sagt der Mensch in der inneren Seele: Ich bin dieser, der ich bin. – Von da an, wo er sagt: Ich habe das getan, ich habe das gedacht -, rechnet der Mensch seelisch sein Ich. Was vorher war, verliert sich in Seelendämmerung. Unsere Erinnerung reicht nur bis zu diesem charakterisierten Zeitpunkte.“

Passage 3
Vorverkündigung und Heroldtum des Christus-Impulses. Der Christus-Geist und seine Hüllen: eine Pfingstbotschaft, Köln, 8. Mai 1912
(S. ca. 185)

„Öfters ist von mir schon hingewiesen worden darauf, daß, wenn der Mensch Kindern ins Auge schaut, er wissen kann, daß aus dem kindlichen Auge etwas herausschaut, was nicht durch die Geburt ins Dasein getreten ist, was menschliche Seelentiefen herausschauen läßt. Wer die Kinder auf den Madonnenbildern von Raffael anschaut, der sieht, daß aus seinen Kinderaugen herausschaut das Göttliche, das Verborgene, das Übermenschliche, das mit dem Kinde in den ersten Zeiten nach der Geburt noch verbunden ist.“