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GA 83 – Inhaltsbefund: Kindheitsentwicklung, Nachahmung und Zahnwechsel als Lebensphasen

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Rudolf Steiner, GA 83: „Westliche und östliche Weltgegensätzlichkeit. Wege zu ihrer Verständigung durch Anthroposophie. Zehn Vorträge gehalten auf dem Zweiten internationalen Kongreß der anthroposophischen Bewegung in Wien, vom 1. bis 12. Juni 1922“. Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz (Gesamtausgabe Dornach 1981).

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Passage 1
Sechster Vortrag: „Die Zeit und ihre sozialen Forderungen“, Wien, 7. Juni 1922
(S. ca. 179–181)

„Da zeigt sich zum Beispiel, wie weder das Kind in den ersten Lebensjahren, noch auch das Kind im volksschulpflichtigen Lebensalter, noch auch eigentlich der junge Mensch vor dem zwanzigsten Lebensjahr mit innerer Hingabe voll in dem lebt, was als intellektualistische Denkweise heraufgekommen ist in der Entwickelung der Menschheit. Im Grunde genommen erfassen wir in uns den Intellektualismus erst aus einer inneren Sympathie, wenn wir in das reifere Lebensalter der Zwanzigerjahre getreten sind. Da beginnen wir, den Intellektualismus wie ein inneres seelisches Knochensystem zu empfinden. Bis dahin fühlen wir eigentlich unser Leben so, wenn auch instinktiv, als ob es sich erst innerlich in einer gewissen Weise erhärten sollte nach solchen Richtlinien, die dann als dieses seelische Knochensystem auftreten. Aber unser ganzes soziales Leben, das in begreiflicher Weise von den Erwachsenen gestaltet ist, ist durchdrungen von dem, was nun doch in einer gewissen Weise von diesem Intellektualismus beeinflußt ist, wenn auch der Intellektualismus selber nicht sozial schaffend sein kann. Er strömt hinein in das, was unsicher geworden ist in den Instinkten. Und so haben wir in unserer heutigen sozialen Gestaltung ein unorganisches Zusammenwirken der unsicher gewordenen Instinkte und desjenigen, was an Intellektualismus in das soziale Leben hineinwill und doch eigentlich nicht hineinpaßt.

Aber das bedingt, daß wir uns im Grunde genommen von dem, was eigentlich vorgeht im sozialen Leben, Ideen machen, die ganz anders sind als das, was als Kräfte in der Wirklichkeit vorhanden ist. Wir sprechen heute zumeist in ziemlich uneigentlichem Sinn von dem, was sozial unter den Menschen waltet. Wir haben uns als Menschheit in den drei bis vier letzten Jahrhunderten dazu erzogen, alles in intellektualistische Formen zu prägen. Das können wir als erwachsene Menschen, aber das können wir nicht, solange wir Kinder, solange wir Jugend sind.

Die Jugend entwickelt ganz andere als die intellektualistischen Kräfte. Das Kind entwickelt zunächst die Kräfte, ich möchte sagen, durch die es ein einziges Sinnesorgan ist, ganz ähnlich dem Sinnesorgan, das ich als Geistorgan geschildert habe; nur ist es das Kind auf mehr materielle Weise. Es nimmt als ganzer Mensch seine Umgebung wahr und prägt, was es wahrnimmt, in seine eigene Bewegung um. Es ist ein Nachahmer. Diese Nachahmung, die das ganze seelische Leben des Kindes durchpulst, ist ganz gewiß nichts Intellektualistisches. Dann tritt das Kind ein in das Lebensalter, etwa vom Zahnwechsel an bis zur Geschlechtsreife reichend, in dem es angewiesen ist, nicht mehr nachzuahmen, wohl aber das aufzunehmen, was als Meinung, als Überzeugung ihm von seiner erwachsenen Umgebung gegeben wird.

Glauben Sie nicht, meine sehr verehrten Anwesenden, daß derjenige, der die «Philosophie der Freiheit» geschrieben hat, vor Ihnen aus irgendeinem reaktionären Instinkt heraus das sagen wird, was er jetzt zu sagen hat. Was ich zu sagen habe, entspricht einem Gesetz der Menschheitsentwickelung. Von dem Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife entwickelt der junge Mensch aus dem Innern seines Wesens heraus das Bedürfnis, hinzuhören auf das, was ihm selbstverständliche Autorität sein kann und was ihm durch die selbstverständliche Autorität gegeben wird.“