Rudolf Steiner, GA 141: „Das Leben zwischen dem Tode und der neuen Geburt im Verhältnis zu den kosmischen Tatsachen“. Zehn Vorträge, gehalten in Berlin zwischen dem 5. November 1912 und 1. April 1913. (Dornach, 1997)
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Passage 1
Zweiter Vortrag, Berlin, 20. November 1912
(S. ca. 34)
„Wenn wir das menschliche Leben betrachten, wird uns zunächst als die bedeutsamste, hervorragendste Tatsache bei einer unbefangenen Betrachtung doch das menschliche Ich selber erscheinen. Wir müssen nun unterscheiden zwischen dem wahren menschlichen Ich und zwischen dem Bewußtsein dieses menschlichen Ich. Denn jedem muß ja auffällig sein, daß ganz gewiß dieses menschliche Ich zum mindesten schon da tätig ist, wo der Mensch durch die Geburt ins Dasein tritt, und besonders in jenen Zeiten, in denen das Kind noch lange kein Bewußtsein von dem Ich hat, in jenen Zeiten, die ja schon äußerlich sprachlich dadurch charakterisiert sind, daß das Kind von sich wie von einer andern Person redet. Wir haben diese Dinge öfter betrachtet. Wir wissen, daß ungefähr um das dritte Lebensjahr herum – selbstverständlich gibt es Kinder, bei denen dies früher der Fall ist – das Kind beginnt ein Bewußtsein von sich zu haben, daß es beginnt von sich in der ersten Person zu reden; und wir wissen, daß dieses Jahr die äußerste Grenze bildet – obwohl es sich bei manchen Menschen herausschiebt – in bezug darauf, wie weit sich der Mensch später an das zurückerinnern kann, was seine Seele erlebt hat. So haben wir in dem Leben des Menschen einen deutlichen Einschnitt: vorher liegt keine Möglichkeit vor, klar und deutlich sich selber in seinem Ich zu erleben; nachher erlebt der Mensch sich in seinem Ich, findet sich gewissermaßen in seinem Ich so zu Hause, daß er die Erlebnisse dieses Ich aus dem Gedächtnisse immer wieder heraufholen kann. Was kann nun eine unbefangene Betrachtung des Lebens darüber lehren, warum das Kind nach und nach übergeht gewissermaßen von einem Nichtwissen vom Ich zu einem Wissen vom Ich?
Eine unbefangene Betrachtung des Lebens kann uns darüber das Folgende lehren. Wenn das Kind niemals von den ersten Zeiten nach der Geburt an in irgendeine Kollision kommen würde mit der äußeren Welt, so würde es nicht zu einem Bewußtsein seines Ich kommen können. Sie können selber beobachten, wie Sie im Leben gar manchmal gewissermaßen Ihr Ich später noch bemerken. Sie brauchen sich nur an einer Schrankkante tüchtig zu stoßen, dann werden Sie durch dieses Stoßen vor allen Dingen Ihr Ich gewahr. Es sagt Ihnen die Kollision mit der äußeren Welt, daß Sie ein Ich sind, und Sie werden kaum vergessen, an Ihr Ich zu denken, wenn Sie sich eine ordentliche Beule geschlagen haben. Diese Zusammenstöße mit der Außenwelt brauchen ja für das Kind nicht immer so zu sein, daß Beulen geschlagen werden, aber sie sind in gewissen Nuancen immer vorhanden. Wenn das Kind sein Händchen ausstreckt und irgend etwas von der Außenwelt berührt, so ist eine leise Kollision mit der Außenwelt vorhanden. Wenn das Kind das Auge aufschlägt und Licht in das Auge fällt, ist eine leise Kollision mit der Außenwelt vorhanden. An der Außenwelt lernt das Kind sich selbst kennen, und das ganze Leben besteht eigentlich in den ersten Jahren darin, daß das Kind sich von der Außenwelt unterscheiden und an der Außenwelt sich selber kennenlernt. Und das Ergebnis genügender Kollisionen mit der Außenwelt faßt sich in der Seele zusammen in dem Bewußtsein des Kindes von sich selber. Man kann sagen: Wenn das Kind genügend viele solcher Stöße mit der Außenwelt erlebt hat, ergibt sich das als Resultat, daß es sich «Ich» nennt. Wenn das Kind so weit ist, daß es sein Ich-Bewußtsein erfaßt hat, dann beginnt die Notwendigkeit, dieses Ich-Bewußtsein nun durch das ganze Leben hindurch aufrecht und rege zu erhalten. Es kann aber dieses Ich-Bewußtsein durch nichts anderes aufrecht und rege erhalten werden als dadurch, daß Kollisionen stattfinden. Die Kollisionen mit der Außenwelt haben gewissermaßen ihre Aufgabe erschöpft, wenn das Kind dazu gekommen ist, zu sich «Ich» zu sagen; aus denen kann also sozusagen für das Entwickeln des Ich-Bewußtseins nichts mehr gelernt werden. Aber aus einer unbefangenen Betrachtung zum Beispiel des Momentes des Aufwachens schon kann der Mensch erfahren, wie das Ich-Bewußtsein doch nur rege erhalten werden kann durch Kollisionen.“
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Passage 2
Sechster Vortrag, Berlin, 7. Januar 1913
(S. ca. 111)
„Es wird der äußeren Wissenschaft höchst unbedeutend erscheinen, wie wir den Menschen in den ersten Lebensmonaten oder auch Lebensjahren beobachten. Aber für den, der die Menschennatur kennenlernen will, ist es am allerwichtigsten, dies zu beobachten. Zuerst kriecht der Mensch auf allen vieren, und es bedarf erst einer besonderen Anstrengung für den Menschen, um aus dieser Kriechstellung, aus diesem Hingegebensein an die Schwere, sich aufzurichten, die Vertikalstellung anzunehmen und in dieser sich zu halten. Das ist das eine. Das zweite ist folgendes: Wir wissen, daß der Mensch in der ersten Zeit auch noch nicht sprechen kann. Er lernt auch erst sprechen. Versuchen Sie sich zu erinnern, was Sie zuerst sprechen gelernt haben, wie Sie gelernt haben, zuerst das erste Wort zu sagen, das Sie haben aussprechen können, und wie Sie dann gelernt haben, den ersten Satz zu bilden. Versuchen Sie sich daran zu erinnern, aber ohne daß Sie hellseherische Mittel zu Hilfe nehmen – es wird vergeblich sein. Ohne hellseherische Mittel ist der Mensch dazu ebensowenig in der Lage, wie er sich nicht erinnern kann, in welcher Weise er die erste Anstrengung gemacht hat, um aus der kriechenden in die vertikale Stellung zu kommen. Und ein Drittes ist das Denken selber. Die Erinnerung geht zwar zurück bis in die Zeit, als man schon denken konnte, aber nicht hinter diese Zeit.
Wer ist der Akteur in diesem Gehen-, Sprechen- und Denkenlernen? Das ist das wirkliche, wahre Ich! Was tut denn dieses wahre Ich? Beobachten wir einmal, was es tut.
Von vornherein ist der Mensch dazu bestimmt, aufrecht zu gehen, zu sprechen und zu denken. Aber er hat das nicht gleich. Er ist nicht gleich dasjenige, wozu er sozusagen als Erdenmensch bestimmt ist. Er hat nicht gleich das, wodurch er innerhalb der menschlichen Kulturentwickelung lebt; er muß sich erst nach und nach dazu durchringen. Es kämpfen in seiner ersten Lebenszeit miteinander der Geist, der in ihm lebt, wenn er aufgerichtet ist, und der Geist, der in ihm ist, wenn er der Schwere hingegeben ist, wenn noch unentwickelt in ihm die Fähigkeit des Sprechens und Denkens ruht. So sehen wir, wie der Mensch, wenn er sozusagen seine Bestimmung erlangt hat, aufrecht stehen und gehen kann, sprechen kann und denken kann, ein Ausdruck dessen ist, was in seiner Menschheitsform gegeben ist. Es entspricht auf naturgemäße Weise das Aufrechtgehen, das Sprechen und das Denken der Form des Menschen. Unmöglich ist es, daß ein anderes Wesen gedacht wird, das so gehen kann wie der Mensch, also das Rückenmark in der vertikalen Linie hat, sprechen und denken kann, ohne daß es eben die Menschenform hat. Sogar der Papagei, wenn er sprechen soll, kann es nur dadurch, daß er eben aufgerichtet ist. Es hängt das mit der Vertikallinie innig zusammen. Tiere, die viel intelligenter sind, werden nicht sprechen lernen, weil ihr Rückenmark nicht in der vertikalen, sondern in der horizontalen Linie liegt. Es gehören allerdings noch andere Dinge dazu. Dennoch sehen wir den Menschen nicht gleich in die Lage versetzt, die seine Bestimmung ist. Das kommt daher, daß der Mensch zuletzt, nach den Anstrengungen, die sein wahres Ich gemacht hat, das ihm das Denken, Sprechen und die vertikale Linie gegeben hat, sozusagen eingebettet ist in die Sphäre, in welcher die Geister der Form leben, die Exusiai. Diese Geister der Form, die in der Bibel auch die Elohim genannt werden, sind die, von denen eben wirklich die menschliche Form abstammt, aber eben die Form, jene Form, in der das Ich des Menschen sozusagen natürlich drinnenlebt und sich eindrückt in den ersten Lebensmonaten und -jahren.“