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Autor: wp-editor

  • Das erste Lebensjahr des Menschen – Analyse nach Rudolf Steiner (GA 10)

    1. Vorbemerkung zur Quelle

    GA 10, »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?«, ist eines der grundlegendsten praktisch-methodischen Werke Rudolf Steiners. Es beschreibt den inneren Übungsweg zur Erlangung geistiger Wahrnehmung. Das Buch enthält keine eigens dem ersten Lebensjahr gewidmeten Abschnitte; das frühe Kind und seine Geburt begegnen dem Leser jedoch als wiederkehrendes, tragfähiges Analogiebild: Steiner nutzt die natürliche Geburt und Entwicklung des Kindes – vom Mutterschoß bis zur Wahrnehmungsfähigkeit des Neugeborenen – um die Gesetzmäßigkeiten der geistigen Entwicklung des Menschen zu erläutern. Daneben finden sich direkte Aussagen über Kindheitserlebnisse, die prägend für die gesamte spätere Lebensentwicklung sind.

    2. Relevante Textstellen mit Quellenangaben

    2.1 Kindheit als Keimzeit – Anlagen sind früh erkennbar

    Im Kapitel »Bedingungen« beschreibt Steiner, welche Anlagen künftiger Geheimschüler bereits in der frühesten Kindheit erkennbar sind:

    »Wer Erlebnisse auf diesem Gebiete hat, der weiß, welche Anlagen bei denen schon in der Kindheit zu bemerken sind, welche später Geheimschüler werden. Es gibt Kinder, die mit heiliger Scheu zu gewissen von ihnen verehrten Personen emporblicken. Sie haben eine Ehrfurcht vor ihnen, die ihnen im tiefsten Herzensgrunde verbietet, irgendeinen Gedanken aufkommen zu lassen von Kritik, von Opposition. Solche Kinder wachsen zu Jünglingen und Jungfrauen heran, denen es wohltut, wenn sie zu irgend etwas Verehrungsvollem aufsehen können. Aus den Reihen dieser Menschenkinder gehen viele Geheimschüler hervor.«

    GA 10, Kapitel »Bedingungen« (Zeilen 459–469)

    2.2 Das Kind als prägender Lehrmeister

    Steiner betont die Weisheit, die in Kindern liegt, und empfiehlt das aufmerksame Zuhören bei Kindern als eine der wertvollsten Übungen zur inneren Entwicklung:

    »Nützlich ist es für jeden, in solcher Art Kindern zuzuhören. Auch der Weiseste kann unermeßlich viel von Kindern lernen.«

    GA 10, Kapitel »Kontrolle der Gedanken und Gefühle« (Zeilen 1429–1430)

    2.3 Das Kind als Bild reinen Lernens durch Erfahrung

    Im Zusammenhang mit der Ausbildung des sechzehnblättrigen Lotus verwendet Steiner das Bild des kleinen Kindes, das durch unmittelbare Naturerfahrung lernt:

    »Es ist wie mit dem Kinde, das sich verbrennt, wenn es ins Feuer greift, auch wenn dies aus Unwissenheit geschieht.«

    GA 10, Kapitel »Praktische Gesichtspunkte« (Zeilen 3630–3631)

    2.4 Geistige Geburt analog zur physischen Geburt des Kindes – Hauptpassage

    Das ausführlichste und für das erste Lebensjahr bedeutsamste Textsegment findet sich im Kapitel »Die Einweihung«. Steiner entwickelt hier eine umfassende Analogie zwischen der physischen Geburt und Entwicklung des Kindes und der geistigen Geburt des höheren Selbst:

    »Nicht etwa bloß im bildlichen, sondern in ganz wirklichem Sinne hat man es mit einer Geburt in der geistigen Welt zu tun. Und das geborene Wesen, das höhere Selbst, muß mit allen notwendigen Organen und Anlagen zur Welt kommen, wenn es lebensfähig sein soll. Wie die Natur vorsorgen muß, daß ein Kind mit wohlgebildeten Ohren und Augen zur Welt komme, so müssen die Gesetze der Eigenentwickelung eines Menschen Sorge tragen, daß sein höheres Selbst mit den notwendigen Fähigkeiten ins Dasein trete.«

    GA 10, Kapitel »Die Einweihung« (Zeilen 4631–4640)

    »Wie im Mutterschoße das Kind reift, so im physischen Selbst der geistige Mensch. Die Gesundheit des Kindes hängt von normaler Wirksamkeit der Naturgesetze im Mutterschoße ab. Die Gesundheit des geistigen Menschen ist in gleicher Art von den Gesetzen des gewöhnlichen Verstandes und der im physischen Leben wirksamen Vernunft bedingt.«

    GA 10, Kapitel »Die Einweihung« (Zeilen 4643–4649)

    »Wie das Kind im Schoße der Mutter schon nach den Naturkräften lebt, die es nach seiner Geburt mit seinen Sinnesorganen wahrnimmt, so lebt das höhere Selbst des Menschen nach den Gesetzen der geistigen Welt schon während des physischen Daseins. Und wie das Kind aus einem dunklen Lebensgefühl heraus sich die entsprechenden Kräfte aneignet, so kann es der Mensch mit den Kräften der geistigen Welt, bevor sein höheres Selbst geboren wird.«

    GA 10, Kapitel »Die Einweihung« (Zeilen 4653–4661)

    »Er wäre dann in derselben Lage wie ein Kind im Mutterschoße, das verweigerte, die Kräfte zu gebrauchen, die ihm durch die Mutter zukommen, und warten wollte, bis es sich dieselben selbst verschaffen kann. So wie der Kindeskeim im Lebensgefühl die Richtigkeit des Dargereichten erfährt, so der noch nicht sehende Mensch die Wahrheit der Lehren der Geisteswissenschaft.«

    GA 10, Kapitel »Die Einweihung« (Zeilen 4668–4674)

    »Ein Mensch, der zum Schauen käme, bevor er in dieser Art gelernt hat, gliche einem Kinde, das wohl mit Augen und Ohren, aber ohne Gehirn geboren wäre. Es breitete sich die ganze Farben- und Tonwelt vor ihm aus; aber es könnte nichts damit anfangen.«

    GA 10, Kapitel »Die Einweihung« (Zeilen 4680–4684)

    2.5 Das Wachstum der Seele analog zum Wachstum des Kindeskeims

    »Während er den Aufgaben der Konzentration und Meditation obliegt, wächst innerhalb seines Leibes seine Seele, wie der Kindeskeim im Leibe der Mutter wächst. Und wenn dann während des Schlafes die geschilderten einzelnen Erlebnisse eintreten, dann rückt der Moment der Geburt heran für die freigewordene Seele, die dadurch buchstäblich ein anderes Wesen geworden ist, das der Mensch in sich zur Keimung und Reifung bringt.«

    GA 10 (Zeilen 5277–5283)

    »Und dieses muß bei seiner Geburt ein in sich harmonischer, richtig gegliederter Organismus sein. Wird aber in den Vorschriften etwas verfehlt, so kommt nicht ein solches gesetzmäßiges Lebewesen, sondern eine Fehlgeburt auf geistigem Gebiet zustande, die nicht lebensfähig ist.«

    GA 10 (Zeilen 5288–5293)

    2.6 Keine geistigen Augen ohne Bildung im sinnlichen Leben – Analogie zur Augenentwicklung im Mutterleib

    »Man kann ebensowenig in einer geistigen Welt mit geistigen Augen geboren werden, wenn man diese nicht in der sinnlichen sich gebildet hat, wie das Kind nicht mit physischen Augen geboren werden könnte, wenn diese sich nicht im Mutterleibe gebildet hätten.«

    GA 10 (Zeilen 6165–6169)

    2.7 Kindheit in der Natur als prägende Grundlage

    »Etwas besser als der bloße Stadtmensch ist auch schon derjenige gestellt, welcher wenigstens während seiner Kindheit Tannenluft atmen, Schneegipfel schauen und das stille Treiben der Waldtiere und Insekten beobachten durfte.«

    GA 10, Kapitel »Praktische Gesichtspunkte« (Zeilen 2947–2950)

    3. Zusammenfassung

    GA 10 liefert kein explizites pädagogisches Kapitel zum ersten Lebensjahr, enthält aber eine außergewöhnlich reiche Bildwelt, in der Steiner die physische Geburt und frühkindliche Entwicklung immer wieder als Erklärungsmodell für geistige Gesetzmäßigkeiten heranzieht.

    Kindheit als Keimzeit – Anlagen sind früh erkennbar

    Steiner beschreibt, dass entscheidende seelische Anlagen des späteren Lebens bereits in der Kindheit erkennbar sind. Kinder, die von natürlicher Ehrfurcht und Verehrungshaltung geprägt sind, tragen den Keim der späteren Geheimschülerschaft in sich. Das erste Lebensjahr ist damit keine leere Vorzeit, sondern der Beginn einer geistig bedeutsamen Biographie.

    Das Kind als Lehrmeister und Spiegel der Weisheit

    Steiner stellt das Kind als Quelle tiefer Weisheit dar: »Auch der Weiseste kann unermeßlich viel von Kindern lernen.« Das Kind, noch nah an seiner geistigen Herkunft, verkörpert eine Qualität des Seins, die später durch Übung erst wiedererlangt werden muss.

    Das Bild der Geburt als Schlüsselbild des Buches

    Das Bild des Kindes im Mutterleib und das Ereignis der Geburt bilden das zentrale Analogiemodell des gesamten Buches für die geistige Entwicklung des Menschen. Das Neugeborene kommt mit vollständig ausgebildeten Sinnesorganen zur Welt – Ohren, Augen – die sich bereits im Mutterleib gebildet haben, noch bevor das Kind sie aktiv einsetzen kann. Ebenso müssen die geistigen Organe des Menschen sich bilden, bevor die geistige Welt wahrnehmbar wird.

    Das »dunkle Lebensgefühl« des Neugeborenen

    Besonders aufschlussreich ist Steiners Formulierung, dass das Kind »aus einem dunklen Lebensgefühl heraus« sich die entsprechenden Kräfte aneignet. Dieses »dunkle Lebensgefühl« beschreibt treffend den Bewusstseinszustand des Neugeborenen im ersten Lebensjahr: ein unbewusstes, aber aktives, kräfteaufnehmendes Wesen, das sich die Bedingungen seines späteren Lebens unbemerkt von innen heraus aufbaut.

    Gesundheit des Kindes als Vorbild für geistige Gesundheit

    Steiner stellt explizit fest, dass die Gesundheit des Kindes im Mutterleib von »normaler Wirksamkeit der Naturgesetze« abhängt. Die natürliche, den Lebensgesetzen gemäße Umgebung des Kindes ist konstitutiv für seine gesamte spätere Entwicklung. Daraus ergibt sich auch die Bedeutung einer naturnahen Kindheit als Grundlage jeder echten Geistesentwicklung.

    Fehlgeburt als geistige Warnung

    Steiners Hinweis auf die »Fehlgeburt auf geistigem Gebiet« spiegelt seine tiefe Ernsthaftigkeit in Bezug auf Geburt und Erstentwicklung wider. Wie eine physische Fehlgeburt das Resultat gestörter Entwicklungsprozesse ist, so kann auch die geistige Entwicklung missglücken, wenn ihre Gesetze nicht respektiert werden.

    4. Abschließende Bewertung

    GA 10 behandelt das erste Lebensjahr nicht als eigenständiges Thema, nutzt es aber als tragendes Erklärungsbild für die tiefsten Gesetzmäßigkeiten menschlicher Entwicklung. Die Geburt des Kindes, sein Leben im Mutterleib, sein »dunkles Lebensgefühl« und die Ausbildung seiner Sinnesorgane dienen Steiner als Beweis dafür, dass Entwicklung immer einer vorbereitenden Phase bedarf, in der die notwendigen Organe und Anlagen gebildet werden, bevor sie aktiv eingesetzt werden können. Das Neugeborene, das mit Augen und Ohren, aber noch ohne ausgebildete Urteilsfähigkeit zur Welt kommt, ist für Steiner das vollkommene Naturbild des Geistes, der sich in einer unentfalteten, aber vollständig angelegten Form zeigt. Diese Auffassung verleiht dem ersten Lebensjahr höchste Bedeutung: Es ist die Zeit, in der der Organismus die Grundbedingungen für alles spätere Erleben und Erkennen legt.

    5. Literaturangabe

    Steiner, Rudolf: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? Dornach (CH): Rudolf Steiner Verlag, 1993 (24. Auflage). Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 10. ISBN 3-7274-0100-1. [Quelldatei: 010.txt]

  • Das erste Lebensjahr des Menschen – Analyse nach Rudolf Steiner – GA9

    1. Vorbemerkung zur Quelle

    Die vorliegende Analyse basiert auf Rudolf Steiners Hauptwerk »Theosophie« (Rudolf Steiner Verlag, Dornach/CH, 1987). Das Buch behandelt die dreifache Natur des Menschen – Körper (Leib), Seele und Geist – und enthält mehrere bedeutsame Stellen, die das frühe Kindheitserleben, insbesondere die geistig-seelische Entwicklung im Kleinstkind- und Säuglingsalter, beleuchten. Da es sich um ein philosophisch-geisteswissenschaftliches Werk handelt, finden sich die relevanten Aussagen zum ersten Lebensjahr eingebettet in übergreifende Darstellungen der Menschennatur.

    2. Relevante Textstellen mit Quellenangaben

    2.1 Geburt des Selbstbewusstseins im frühen Kindesalter

    Steiner schildert anhand eines berühmten Zitats des Dichters Jean Paul den Moment, in dem das Kind zum ersten Mal ein Bewusstsein von sich selbst als eigenständiges Wesen erlangt – das Erwachen des »Ich«. Er beschreibt zudem, wie kleine Kinder in der Vorstufe dieses Bewusstseins von sich selbst in der dritten Person sprechen:

    »Im Laufe der Kindheitsentwickelung tritt im Leben des Menschen der Augenblick ein, in dem er sich zum erstenmal als ein selbständiges Wesen gegenüber der ganzen übrigen Welt empfindet. Fein empfindenden Menschen ist das ein bedeutsames Erlebnis. Der Dichter Jean Paul erzählt in seiner Lebensbeschreibung: ›Nie vergeß‘ ich die noch keinem Menschen erzählte Erscheinung in mir, wo ich bei der Geburt meines Selbstbewußtseins stand, von der ich Ort und Zeit anzugeben weiß. An einem Vormittag stand ich als ein sehr junges Kind unter der Haustür und sah links nach der Holzlege, als auf einmal das innere Gesicht, ich bin ein Ich, wie ein Blitzstrahl vom Himmel auf mich fuhr und seitdem leuchtend stehenblieb: da hatte mein Ich zum erstenmal sich selber gesehen und auf ewig.‹«

    Rudolf Steiner, Theosophie, S. 48 (Zeilen 808–819)

    Unmittelbar im Anschluss erläutert Steiner das Verhalten kleiner Kinder, bevor dieses Selbstbewusstsein erwacht ist:

    »Es ist bekannt, daß kleine Kinder von sich sagen: ›Karl ist brav‹, ›Marie will das haben‹. Man findet es angemessen, daß sie von sich so wie von andern reden, weil sie sich ihrer selbständigen Wesenheit noch nicht bewußt geworden sind, weil das Bewußtsein vom Selbst noch nicht in ihnen geboren ist.«

    Rudolf Steiner, Theosophie, S. 48–49 (Zeilen 820–823)

    2.2 Ergänzende Erläuterung zur Ich-Entwicklung im Kindesalter

    In den abschließenden »Einzelnen Bemerkungen und Ergänzungen« vertieft Steiner seine Aussagen zur Entwicklung des Ich-Gefühls im frühen Kindesalter und betont, dass nicht das frühe Gebrauchen des Wortes »Ich« entscheidend ist, sondern das Verknüpfen des Wortes mit der entsprechenden inneren Vorstellung:

    »Wenn gesagt wird, kleine Kinder sagen: ›Karl ist brav‹, ›Marie will das haben‹, so muß wohl beachtet werden, daß es weniger darauf ankommt, wie früh Kinder das Wort ›Ich‹ gebrauchen, als darauf, wann sie mit diesem Worte die entsprechende Vorstellung verknüpfen. […] Doch deutet der zumeist späte Gebrauch des Wortes allerdings auf eine wichtige Entwickelungstatsache hin, nämlich auf die allmähliche Entfaltung der Ich-Vorstellung aus dem dunklen Ich-Gefühl heraus.«

    Rudolf Steiner, Theosophie, S. 199 (Zeilen 4317–4324)

    2.3 Das Kind als lernendes Wesen – Empfindung und Denken

    Steiner erläutert am Beispiel eines kleinen Kindes, wie die Wechselwirkung zwischen Sinneserfahrung und Denken im Frühkindlichen wirkt:

    »Das Kind, das sich verbrannt hat, denkt nach und gelangt zu dem Gedanken: ›das Feuer brennt‹.«

    Rudolf Steiner, Theosophie, S. 43 (Zeilen 686–687)

    »Die Reize der Außenwelt empfindet auch das Kind als Antrieb des Willens, die Gebote des sittlich Guten gehen ihm aber nur im Laufe der Entwickelung auf, indem es im Geiste leben und dessen Offenbarung verstehen lernt.«

    Rudolf Steiner, Theosophie, S. 53 (Zeilen 910–912)

    2.4 Vererbung und geistige Eigenständigkeit – vor und nach der Geburt

    »Meine Arbeit an mir [kann] nicht bei meiner Geburt begonnen haben. Ich muß als geistiger Mensch vor meiner Geburt vorhanden gewesen sein.«

    Rudolf Steiner, Theosophie, S. 73 (Zeilen 1448–1449)

    »Es gehört zu den bedenklichsten Vorurteilen, wenn man die geistigen Eigenschaften eines Menschen durch Vererbung von Vater oder Mutter oder anderen Vorfahren erklären will.«

    Rudolf Steiner, Theosophie, S. 75 (Zeilen 1498–1499)

    2.5 Die Mutterliebe als natürlichster Selbstlosigkeitsimpuls

    »Es gibt eine rein natürliche Aufopferungsfähigkeit, die sich schon im Tierreiche im hohen Grade findet. In der natürlichen Mutterliebe findet diese Ausbildung eines animalischen Triebes ihre schönste Vollendung. Diese selbstlosen Naturtriebe kommen in der ersten Aura in hellrötlichen bis rosaroten Farbennuancen zum Ausdruck.«

    Rudolf Steiner, Theosophie, S. 169–170 (Zeilen 3635–3638)

    2.6 Der Ätherleib und die physische Erneuerung des Kindeskörpers

    »Innerhalb einiger Jahre erneuert sich die Stoffmasse, die unsern physischen Körper zusammensetzt, vollständig. Daß diese Stoffmasse die Form des menschlichen Körpers annimmt und daß sie innerhalb dieses Körpers sich immer wieder erneuert, das hängt davon ab, daß sie von dem Ätherleib zusammengehalten wird. Und dessen Form ist nicht allein durch die Vorgänge zwischen Geburt – oder Empfängnis – und Tod bestimmt, sondern sie ist von den Gesetzen der Vererbung abhängig, die über Geburt und Tod hinausreichen.«

    Rudolf Steiner, Theosophie, S. 77–78 (Zeilen 1557–1564)

    2.7 Kindheitserlebnisse und ihre bleibenden Früchte

    »Man erinnert sich nicht aller Erlebnisse, die man in der Kindheit durchgemacht hat, während man sich die Kunst des Lesens und des Schreibens angeeignet hat. Aber man könnte nicht lesen und schreiben, wenn man diese Erlebnisse nicht gehabt hätte und ihre Früchte nicht bewahrt geblieben wären in Form von Fähigkeiten.«

    Rudolf Steiner, Theosophie, S. 68 (Zeilen 1325–1328)

    3. Zusammenfassung

    Rudolf Steiners »Theosophie« enthält keine explizit medizinisch ausgerichteten Kapitel über das erste Lebensjahr, bietet jedoch aus geisteswissenschaftlicher Perspektive tiefgreifende Einsichten über das frühe Menschenleben:

    Das Erwachen des Selbstbewusstseins

    Das herausragendste Thema ist das Erwachen des Ich-Bewusstseins im frühen Kindesalter. Steiner beschreibt – unterstützt durch Jean Pauls Selbstzeugnis – den Moment, in dem ein Kind erstmals sich selbst als eigenständiges Wesen erkennt. Vor diesem Entwicklungsschritt spricht das Kind von sich in der dritten Person, da das Selbstbewusstsein noch nicht geboren ist. Entscheidend ist nicht, wann das Kind das Wort »Ich« übernimmt, sondern wann es beginnt, dieses Wort mit der inneren Vorstellung der eigenen Selbstheit zu verbinden – die »allmähliche Entfaltung der Ich-Vorstellung aus dem dunklen Ich-Gefühl heraus«.

    Empfindung, Wille und sittliche Entwicklung

    Das Neugeborene und das Kleinkind sind von Beginn an empfindungsfähige Wesen: sie nehmen äußere Reize wahr und reagieren darauf mit Willensimpulsen. Die eigentlich geistig-sittliche Dimension des Lebens erschließt sich dem Kind jedoch erst im Laufe der Entwicklung.

    Vererbung und individuelle Geistigkeit

    Steiner betont mit Nachdruck, dass das Kind zwar physische Eigenschaften von den Eltern erbt, dass aber seine eigentliche geistige Wesenheit nicht aus der Vererbung stammt. Der Geist des Menschen hat eine über die Geburt hinausreichende Existenz. Das neugeborene Kind bringt eine geistige Individualität mit, die aus früheren Erdenleben geformt ist.

    Ätherleib und körperliche Erneuerung

    Von Geburt an wirkt im Kind der sogenannte Ätherleib oder Lebensleib, der die physische Substanz in der Form des menschlichen Körpers hält und ständig erneuert. Diese Kraft geht über die rein physikalischen Vorgänge hinaus und ist für die organische Gestaltung verantwortlich.

    Mutterliebe als selbstloser Naturimpuls

    Die natürliche Mutterliebe, die während des ersten Lebensjahres die primäre Bindungsgrundlage bildet, beschreibt Steiner als höchste Ausprägung selbstloser Naturkraft – in seiner Auralehre sichtbar in hellroten bis rosaroten Farbtönen der »ersten Aura«.

    Bleibende Wirkung frühkindlicher Erlebnisse

    Kindheitserlebnisse, auch wenn sie dem Gedächtnis später entgleiten, wirken als Fähigkeiten im Geist des Menschen fort. Die frühkindlichen Erfahrungen – darunter jene des ersten Lebensjahres – bilden die unsichtbare, aber formgebende Grundlage für das spätere Lernen und die persönliche Entwicklung.

    4. Abschließende Bewertung

    Rudolf Steiners Aussagen zum ersten Lebensjahr sind nicht empirisch-naturwissenschaftlicher, sondern geisteswissenschaftlich-anthroposophischer Natur. Sie eröffnen eine Betrachtungsweise, in der das neugeborene Kind als ein dreifaches Wesen – aus Leib, Seele und Geist – beschrieben wird, das von Anfang an eine über die biologische Vererbung hinausgehende individuelle Wesenheit mit sich bringt. Das erste Lebensjahr ist in dieser Sicht die Zeit, in der der physische Leib seine unmittelbarste Prägung durch den Lebensleib erfährt, in der die ersten Empfindungen und Willensimpulse erwachen, in der sich die Mutterliebe als Urschutz des Kindes entfaltet, und in der – noch im verborgenen Dunkel – das Ich-Gefühl zu keimen beginnt.

    5. Literaturangabe

    Steiner, Rudolf: Theosophie. Einführung in übersinnliche Weltanschauung und Menschenbestimmung. Dornach (CH): Rudolf Steiner Verlag, 1987 (Taschenbuchausgabe). [Quelldatei: 009.txt]

  • Das erste Lebensjahr des Kindes bei Rudolf Steiner – Zitatsammlung


    3. Die drei Hauptfaehigkeiten (GA 310)

    Das Kind bildet bis zum Zahnwechsel das Gehen, das Sprechen und das Denken aus.


    4. Das Gehen lernen (GA 310)

    Das Gehen ist das Sich-im-Gleichgewicht-Hineinstellen in die Welt.


    5. Das Sprechen lernen (GA 310, 304)

    Die Sprache entwickelt sich im Zusammenhang mit dem Zirkulations- und Atmungssystem.


    6. Koerperliche Entwicklung (GA 015, 317)

    Der Mensch kommt auf die Welt mit einem Kopfe.


    7. Bedeutung des Zahnwechsels (GA 310)

    Der Zahnwechsel ist das aeussere Zeichen fuer tiefe Veraenderungen.


    8. Erziehungsgrundsatz (GA 304)

    In den ersten sieben Lebensjahren kann man das Kind nicht durch Ermahnungen erziehen.


    Zusammenfassung

    1. Spirituelle Herkunft
    2. Nachahmung
    3. Drei Hauptfaehigkeiten
    4. Gehen lernen
    5. Sprechen lernen
    6. Koerperliche Entwicklung
    7. Zahnwechsel
    8. Erziehungsgrundsatz