1. Vorbemerkung zur Quelle
GA 15 »Die geistige FĂŒhrung des Menschen und der Menschheit« enthĂ€lt drei VortrĂ€ge, die Steiner 1911 in Kopenhagen hielt. Das Werk gehört zu den reichhaltigsten Quellen fĂŒr Steiners Aussagen ĂŒber die FrĂŒhkindheit: Es beschreibt die drei UrfĂ€higkeiten des Kindes (Gehen, Sprechen, Denken), die kindliche Aura und ihre Verbindung zur geistigen Welt, sowie die ĂŒberragende Weisheit der vorgeburtlichen SeelenkrĂ€fte, die in den ersten Lebensjahren am Menschen wirken.
2. Relevante Textstellen mit Quellenangaben
2.1 Die allerersten Lebensjahre als weiseste Zeit des Menschenlebens
Steiner eröffnet seine Betrachtung mit einer provocanten These:
»In welchem Lebensabschnitt vollbringt der Mensch eigentlich an sich selber die fĂŒr das Dasein wichtigsten Taten? Wann handelt er am allerweisesten an sich selber? Das tut er ungefĂ€hr von der Geburt an bis zu dem Zeitpunkte, bis zu dem er sich noch zurĂŒkerinnern kann, wenn er im spĂ€teren Leben zurĂŒckblickt auf die verflossenen Jahre seines Erdendaseins.«
GA 15, Zeilen 160â166
Steiner bezeichnet also die Zeit von der Geburt bis zum Einsetzen der frĂŒhkindlichen Erinnerung als die Phase höchster Weisheit im gesamten Menschenleben. Was das Kind in dieser Zeit an sich vollbringt, ĂŒbersteigt alles spĂ€tere bewusste Tun.
2.2 Die Seele arbeitet am Gehirn â vorgeburtliche Weisheit am Werk
»Wenn der Mensch geboren wird, ist zum Beispiel sein physisches Gehirn noch ein sehr unvollkommenes Werkzeug. Es muĂ nun des Menschen Seele in dieses Werkzeug erst die feineren Gliederungen hineinarbeiten, die es zum Vermittler alles dessen machen, wessen die Seele fĂ€hig ist. In der Tat arbeitet die Menschenseele, bevor sie vollbewuĂt ist, an dem Gehirn so, daĂ dieses ein solches Werkzeug werden kann, wie es gebraucht wird zum Ausleben all der FĂ€higkeiten, Anlagen, Eigenschaften und so weiter, welche der Seele eignen als Ergebnisse ihrer frĂŒheren Erdenleben.«
GA 15, Zeilen 183â194
Die Seele des Neugeborenen ist keine leere Tafel. Sie trĂ€gt die FrĂŒchte frĂŒherer Erdenleben und arbeitet im ersten Lebensjahr unbewusst daran, das ererbte Gehirn so umzuformen, dass es zum persönlichen Ausdrucksorgan dieser individuellen Seele werden kann.
2.3 Die drei UrfÀhigkeiten: Gehen, Sprechen, Denken
»Als erstes lernt er die eigene Körperlichkeit im Raume orientieren […] Es ist bedeutungsvoll, daĂ der Mensch an sich selbst arbeiten muĂ, um sich aus einem Wesen, das nicht gehen kann, zu einem solchen zu machen, das aufrecht gehen kann. Der Mensch ist es selbst, der sich seine vertikale Lage, seine Gleichgewichtslage im Raum gibt.«
GA 15, Zeilen 204â222
»Das zweite, was der Mensch sich selber lehrt […] ist die Sprache. […] Sprechen aber lernt er nur, wenn sein Seelenwesen als solches angeregt wird, als dasjenige, was von Leben zu Leben getragen wird.«
GA 15, Zeilen 235â250
»Und dann gibt es ein Drittes […] Das ist das Leben innerhalb der Gedankenwelt selber. Die Bearbeitung des Gehirns wird aus dem Grunde vorgenommen, weil das Gehirn das Werkzeug des Denkens ist.«
GA 15, Zeilen 265â272
Diese drei FĂ€higkeiten â aufrecht Gehen, Sprechen, Denken â werden alle in den ersten Lebensjahren erworben. Sie sind keine biologischen Reflexe, sondern Leistungen der unsterblichen Seele, die sich von Inkarnation zu Inkarnation entwickelt. Der aufrechte Gang ist einzigartig im Tierreich, weil beim Menschen die Seele den Körper bezwingt, nicht die Körperorganisation die Seele bestimmt.
2.4 Die kindliche Aura â der âTelefonanschlussâ zur geistigen Welt
»WĂ€hrend das, was wir die »kindliche Aura« nennen, in den ersten Lebensjahren wie eine wunderbare, menschlich-ĂŒbermenschliche Macht das Kind umschwebt â so umschwebt, daĂ diese kindliche Aura, der eigentliche höhere Teil des Menschen, ĂŒberall seine Fortsetzung in die geistige Welt hinein hat â, dringt in jenem Zeitpunkt, bis zu welchem der Mensch sich zurĂŒkerinnern kann, diese Aura mehr in das Innere des Menschen hinein.«
GA 15, Zeilen 292â300
»Von dieser Welt strömt noch etwas ein in die kindliche Aura, und der Mensch ist da unmittelbar als einzelnes Wesen unterstehend der FĂŒhrung der ganzen geistigen Welt, zu welcher er gehört. Die geistigen KrĂ€fte aus dieser Welt strömen in das Kind noch ein.«
GA 15, Zeilen 319â323
In den ersten Lebensjahren â und damit vor allem im ersten Lebensjahr â ist das Kind noch unmittelbar mit der geistigen Welt verbunden. Seine Aura reicht in diese Welt hinein. Die höheren geistigen Wesenheiten, bei denen die Seele zwischen Tod und Geburt weilte, wirken noch formend auf den werdenden Menschen. Dieser Zustand endet mit dem Einsetzen des Ich-Bewusstseins und der Kindheitserinnerung.
2.5 Unmittelbar nach der Geburt noch in der vorgeburtlichen Welt
»Aus all dem kann man fĂŒhlen, wie man unmittelbar nach der Geburt noch nicht so ganz entlaufen war der Welt, in welcher man vor dem Eintreten in das physische Dasein war, und wie man ihr ganz eigentlich niemals entlaufen kann.«
GA 15, Zeilen 343â347
Das Neugeborene steht mit einem FuĂ noch in der geistigen Vorgeburtswelt. Diese KontinuitĂ€t ist keine Metapher, sondern eine ĂŒbersinnlich wahrnehmbare Tatsache. Der Hellseher erkennt, wie die vorgeburtliche Welt noch in die frĂŒhe Kindheit hineinstrahlt.
2.6 Warum der Mensch immer wieder als Kind zur Erde kommt
»Wenn jene höheren KrĂ€fte in derselben Weise weiterwirkten, wĂŒrde der Mensch immer Kind bleiben; er wĂŒrde nicht zum vollen Ich-BewuĂtsein kommen. Es muĂ in seine eigene Wesenheit verlegt werden, was vorher von auĂen gewirkt hat.«
GA 15, Zeilen 375â379
Der RĂŒckzug der geistigen HĂŒllenkrĂ€fte ist notwendig, damit das Ich-Bewusstsein entstehen kann. Kindheit ist deshalb keine Unvollkommenheit, sondern eine kosmisch notwendige Phase des Menschenwerdens.
2.7 Gehen â Sprechen â Denken als âWeg, Wahrheit und Lebenâ
»In den ersten Lebensjahren lernt der Mensch physisch gehen aus dem Geiste heraus; das heiĂt der Mensch weist sich seinen Weg fĂŒr das Erdenleben aus dem Geiste heraus. Er lernt sprechen, das heiĂt die Wahrheit prĂ€gen aus dem Geiste heraus […] Und auch das Leben, das der Mensch auf der Erde als Ich-Wesen lebt, das bekommt sein Lebensorgan durch das, was sich in den ersten drei Jahren der Kindheit ausbildet.«
GA 15, Zeilen 634â644
Steiner verknĂŒpft die drei UrfĂ€higkeiten der Kindheit mit dem Christuswort »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben«. Gehen = der Weg, Sprechen = die Wahrheit, Denken = das Leben. Die ersten drei Jahre sind damit eine leibliche VerĐșörperung des höchsten geistigen Impulses der Menschheitsevolution.
2.8 Der Mensch ĂŒbertrifft sich selbst durch die KindheitskrĂ€fte
»Alles was der Mensch hervorbringen kann an Idealen, an kĂŒnstlerischem Schaffen, aber auch alles, was er hervorbringen kann an naturgemĂ€Ăen HeilkrĂ€ften im eigenen Leibe […] alles das kommt nicht von dem gewöhnlichen Verstande, sondern von den tieferen KrĂ€ften, die in den ersten Jahren arbeiten an unserer Orientierung im Raum, an der PrĂ€gung des Kehlkopfes und am Gehirn. Denn es sind dieselben KrĂ€fte spĂ€ter noch im Menschen.«
GA 15, Zeilen 363â374
Die KrĂ€fte des ersten Lebensjahres wirken das ganze Leben hindurch weiter: als kĂŒnstlerische Inspiration, als Heilkraft, als intuitive Erkenntnis. Was in der FrĂŒhkindheit unbewusst wirkt, kann spĂ€ter bewusst entfaltet werden.
2.9 Selbstzeugnis: âAls ich Kind war, habe ich an mir gearbeitetâ
»Als ich Kind war, habe ich an mir durch KrÀfte gearbeitet, die aus der geistigen Welt hereinwirkten, und das, was ich jetzt als mein Bestes geben kann, muà auch aus höheren Welten hereinwirken.«
GA 15, Zeilen 786â790
Steiner lÀsst hier einen spirituell entwickelten Menschen sprechen, der erkennt: Das Beste in mir wurde nicht von mir selbst erarbeitet, sondern in der Kindheit durch höhere MÀchte in mich eingearbeitet. Die Kindheit ist die Quelle aller spÀteren Hochleistungen.
2.10 Die kindliche Seele öffnet die Aura fĂŒr die Hierarchien
»Beim Kinde ist es die Leibesgestaltung, in welcher sich die höhere Weisheit ihren Abdruck schafft […] Wie die Kindesseele bis zu dem Zeitpunkt […] ihre Aura den Hierarchien öffnet, so öffnete die ganze Menschheit ihre Welt durch ihre Arbeit den Hierarchien, mit denen sie im Zusammenhang stand.«
GA 15, Zeilen 996â1008
Das offene Aura-Feld des Kindes wird hier zur Analogie fĂŒr die Urzeit der Menschheit, als die Hierarchien noch direkt in die menschliche Kultur einwirkten. Das erste Lebensjahr reprĂ€sentiert ontogenetisch den ursprĂŒnglichsten Zustand des Menschenwesens.
3. Zusammenfassung
GA 15 ist eine der zentralsten Quellen fĂŒr Steiners Anthropologie der FrĂŒhkindheit. Die wesentlichen Ergebnisse:
1. Die Zeit von der Geburt bis zur ersten Kindheitserinnerung ist die weiseste Zeit des gesamten Menschenlebens â weil in ihr nicht das Ich, sondern höhere geistige KrĂ€fte fĂŒhren.
2. Das Neugeborene arbeitet an seinem Gehirn und Körper mit Weisheit, die aus frĂŒheren Erdenleben und aus der vorgeburtlichen Welt stammt.
3. Die drei groĂen Errungenschaften des ersten Lebensjahres sind Gehen, Sprechen und Denken â jede davon eine Leistung der unsterblichen Seele, nicht der Körperbiologie.
4. Das Kind ist in dieser Phase von einer kindlichen Aura umgeben, die es direkt mit der geistigen Welt verbindet.
5. Unmittelbar nach der Geburt ist der Mensch noch nicht ganz von der vorgeburtlichen Welt gelöst.
6. Die KindheitskrÀfte wirken das ganze Leben weiter als Quelle von KreativitÀt, Heilkraft und geistiger Erkenntnis.
7. Gehen â Sprechen â Denken sind die leibliche Inkarnation des höchsten geistigen Impulses der Menschheit.
Quellennachweis
Rudolf Steiner: Die geistige FĂŒhrung des Menschen und der Menschheit. GA 15. Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz, 1987. VortrĂ€ge, gehalten in Kopenhagen, 6.â8. Juni 1911.