1. Vorbemerkung zur Quelle
GA 10, »Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?«, ist eines der grundlegendsten praktisch-methodischen Werke Rudolf Steiners. Es beschreibt den inneren Ăbungsweg zur Erlangung geistiger Wahrnehmung. Das Buch enthĂ€lt keine eigens dem ersten Lebensjahr gewidmeten Abschnitte; das frĂŒhe Kind und seine Geburt begegnen dem Leser jedoch als wiederkehrendes, tragfĂ€higes Analogiebild: Steiner nutzt die natĂŒrliche Geburt und Entwicklung des Kindes â vom MutterschoĂ bis zur WahrnehmungsfĂ€higkeit des Neugeborenen â um die GesetzmĂ€Ăigkeiten der geistigen Entwicklung des Menschen zu erlĂ€utern. Daneben finden sich direkte Aussagen ĂŒber Kindheitserlebnisse, die prĂ€gend fĂŒr die gesamte spĂ€tere Lebensentwicklung sind.
2. Relevante Textstellen mit Quellenangaben
2.1 Kindheit als Keimzeit â Anlagen sind frĂŒh erkennbar
Im Kapitel »Bedingungen« beschreibt Steiner, welche Anlagen kĂŒnftiger GeheimschĂŒler bereits in der frĂŒhesten Kindheit erkennbar sind:
»Wer Erlebnisse auf diesem Gebiete hat, der weiĂ, welche Anlagen bei denen schon in der Kindheit zu bemerken sind, welche spĂ€ter GeheimschĂŒler werden. Es gibt Kinder, die mit heiliger Scheu zu gewissen von ihnen verehrten Personen emporblicken. Sie haben eine Ehrfurcht vor ihnen, die ihnen im tiefsten Herzensgrunde verbietet, irgendeinen Gedanken aufkommen zu lassen von Kritik, von Opposition. Solche Kinder wachsen zu JĂŒnglingen und Jungfrauen heran, denen es wohltut, wenn sie zu irgend etwas Verehrungsvollem aufsehen können. Aus den Reihen dieser Menschenkinder gehen viele GeheimschĂŒler hervor.«
GA 10, Kapitel »Bedingungen« (Zeilen 459â469)
2.2 Das Kind als prÀgender Lehrmeister
Steiner betont die Weisheit, die in Kindern liegt, und empfiehlt das aufmerksame Zuhören bei Kindern als eine der wertvollsten Ăbungen zur inneren Entwicklung:
»NĂŒtzlich ist es fĂŒr jeden, in solcher Art Kindern zuzuhören. Auch der Weiseste kann unermeĂlich viel von Kindern lernen.«
GA 10, Kapitel »Kontrolle der Gedanken und GefĂŒhle« (Zeilen 1429â1430)
2.3 Das Kind als Bild reinen Lernens durch Erfahrung
Im Zusammenhang mit der Ausbildung des sechzehnblÀttrigen Lotus verwendet Steiner das Bild des kleinen Kindes, das durch unmittelbare Naturerfahrung lernt:
»Es ist wie mit dem Kinde, das sich verbrennt, wenn es ins Feuer greift, auch wenn dies aus Unwissenheit geschieht.«
GA 10, Kapitel »Praktische Gesichtspunkte« (Zeilen 3630â3631)
2.4 Geistige Geburt analog zur physischen Geburt des Kindes â Hauptpassage
Das ausfĂŒhrlichste und fĂŒr das erste Lebensjahr bedeutsamste Textsegment findet sich im Kapitel »Die Einweihung«. Steiner entwickelt hier eine umfassende Analogie zwischen der physischen Geburt und Entwicklung des Kindes und der geistigen Geburt des höheren Selbst:
»Nicht etwa bloĂ im bildlichen, sondern in ganz wirklichem Sinne hat man es mit einer Geburt in der geistigen Welt zu tun. Und das geborene Wesen, das höhere Selbst, muĂ mit allen notwendigen Organen und Anlagen zur Welt kommen, wenn es lebensfĂ€hig sein soll. Wie die Natur vorsorgen muĂ, daĂ ein Kind mit wohlgebildeten Ohren und Augen zur Welt komme, so mĂŒssen die Gesetze der Eigenentwickelung eines Menschen Sorge tragen, daĂ sein höheres Selbst mit den notwendigen FĂ€higkeiten ins Dasein trete.«
GA 10, Kapitel »Die Einweihung« (Zeilen 4631â4640)
»Wie im MutterschoĂe das Kind reift, so im physischen Selbst der geistige Mensch. Die Gesundheit des Kindes hĂ€ngt von normaler Wirksamkeit der Naturgesetze im MutterschoĂe ab. Die Gesundheit des geistigen Menschen ist in gleicher Art von den Gesetzen des gewöhnlichen Verstandes und der im physischen Leben wirksamen Vernunft bedingt.«
GA 10, Kapitel »Die Einweihung« (Zeilen 4643â4649)
»Wie das Kind im SchoĂe der Mutter schon nach den NaturkrĂ€ften lebt, die es nach seiner Geburt mit seinen Sinnesorganen wahrnimmt, so lebt das höhere Selbst des Menschen nach den Gesetzen der geistigen Welt schon wĂ€hrend des physischen Daseins. Und wie das Kind aus einem dunklen LebensgefĂŒhl heraus sich die entsprechenden KrĂ€fte aneignet, so kann es der Mensch mit den KrĂ€ften der geistigen Welt, bevor sein höheres Selbst geboren wird.«
GA 10, Kapitel »Die Einweihung« (Zeilen 4653â4661)
»Er wĂ€re dann in derselben Lage wie ein Kind im MutterschoĂe, das verweigerte, die KrĂ€fte zu gebrauchen, die ihm durch die Mutter zukommen, und warten wollte, bis es sich dieselben selbst verschaffen kann. So wie der Kindeskeim im LebensgefĂŒhl die Richtigkeit des Dargereichten erfĂ€hrt, so der noch nicht sehende Mensch die Wahrheit der Lehren der Geisteswissenschaft.«
GA 10, Kapitel »Die Einweihung« (Zeilen 4668â4674)
»Ein Mensch, der zum Schauen kÀme, bevor er in dieser Art gelernt hat, gliche einem Kinde, das wohl mit Augen und Ohren, aber ohne Gehirn geboren wÀre. Es breitete sich die ganze Farben- und Tonwelt vor ihm aus; aber es könnte nichts damit anfangen.«
GA 10, Kapitel »Die Einweihung« (Zeilen 4680â4684)
2.5 Das Wachstum der Seele analog zum Wachstum des Kindeskeims
»WĂ€hrend er den Aufgaben der Konzentration und Meditation obliegt, wĂ€chst innerhalb seines Leibes seine Seele, wie der Kindeskeim im Leibe der Mutter wĂ€chst. Und wenn dann wĂ€hrend des Schlafes die geschilderten einzelnen Erlebnisse eintreten, dann rĂŒckt der Moment der Geburt heran fĂŒr die freigewordene Seele, die dadurch buchstĂ€blich ein anderes Wesen geworden ist, das der Mensch in sich zur Keimung und Reifung bringt.«
GA 10 (Zeilen 5277â5283)
»Und dieses muĂ bei seiner Geburt ein in sich harmonischer, richtig gegliederter Organismus sein. Wird aber in den Vorschriften etwas verfehlt, so kommt nicht ein solches gesetzmĂ€Ăiges Lebewesen, sondern eine Fehlgeburt auf geistigem Gebiet zustande, die nicht lebensfĂ€hig ist.«
GA 10 (Zeilen 5288â5293)
2.6 Keine geistigen Augen ohne Bildung im sinnlichen Leben â Analogie zur Augenentwicklung im Mutterleib
»Man kann ebensowenig in einer geistigen Welt mit geistigen Augen geboren werden, wenn man diese nicht in der sinnlichen sich gebildet hat, wie das Kind nicht mit physischen Augen geboren werden könnte, wenn diese sich nicht im Mutterleibe gebildet hÀtten.«
GA 10 (Zeilen 6165â6169)
2.7 Kindheit in der Natur als prÀgende Grundlage
»Etwas besser als der bloĂe Stadtmensch ist auch schon derjenige gestellt, welcher wenigstens wĂ€hrend seiner Kindheit Tannenluft atmen, Schneegipfel schauen und das stille Treiben der Waldtiere und Insekten beobachten durfte.«
GA 10, Kapitel »Praktische Gesichtspunkte« (Zeilen 2947â2950)
3. Zusammenfassung
GA 10 liefert kein explizites pĂ€dagogisches Kapitel zum ersten Lebensjahr, enthĂ€lt aber eine auĂergewöhnlich reiche Bildwelt, in der Steiner die physische Geburt und frĂŒhkindliche Entwicklung immer wieder als ErklĂ€rungsmodell fĂŒr geistige GesetzmĂ€Ăigkeiten heranzieht.
Kindheit als Keimzeit â Anlagen sind frĂŒh erkennbar
Steiner beschreibt, dass entscheidende seelische Anlagen des spĂ€teren Lebens bereits in der Kindheit erkennbar sind. Kinder, die von natĂŒrlicher Ehrfurcht und Verehrungshaltung geprĂ€gt sind, tragen den Keim der spĂ€teren GeheimschĂŒlerschaft in sich. Das erste Lebensjahr ist damit keine leere Vorzeit, sondern der Beginn einer geistig bedeutsamen Biographie.
Das Kind als Lehrmeister und Spiegel der Weisheit
Steiner stellt das Kind als Quelle tiefer Weisheit dar: »Auch der Weiseste kann unermeĂlich viel von Kindern lernen.« Das Kind, noch nah an seiner geistigen Herkunft, verkörpert eine QualitĂ€t des Seins, die spĂ€ter durch Ăbung erst wiedererlangt werden muss.
Das Bild der Geburt als SchlĂŒsselbild des Buches
Das Bild des Kindes im Mutterleib und das Ereignis der Geburt bilden das zentrale Analogiemodell des gesamten Buches fĂŒr die geistige Entwicklung des Menschen. Das Neugeborene kommt mit vollstĂ€ndig ausgebildeten Sinnesorganen zur Welt â Ohren, Augen â die sich bereits im Mutterleib gebildet haben, noch bevor das Kind sie aktiv einsetzen kann. Ebenso mĂŒssen die geistigen Organe des Menschen sich bilden, bevor die geistige Welt wahrnehmbar wird.
Das »dunkle LebensgefĂŒhl« des Neugeborenen
Besonders aufschlussreich ist Steiners Formulierung, dass das Kind »aus einem dunklen LebensgefĂŒhl heraus« sich die entsprechenden KrĂ€fte aneignet. Dieses »dunkle LebensgefĂŒhl« beschreibt treffend den Bewusstseinszustand des Neugeborenen im ersten Lebensjahr: ein unbewusstes, aber aktives, krĂ€fteaufnehmendes Wesen, das sich die Bedingungen seines spĂ€teren Lebens unbemerkt von innen heraus aufbaut.
Gesundheit des Kindes als Vorbild fĂŒr geistige Gesundheit
Steiner stellt explizit fest, dass die Gesundheit des Kindes im Mutterleib von »normaler Wirksamkeit der Naturgesetze« abhĂ€ngt. Die natĂŒrliche, den Lebensgesetzen gemĂ€Ăe Umgebung des Kindes ist konstitutiv fĂŒr seine gesamte spĂ€tere Entwicklung. Daraus ergibt sich auch die Bedeutung einer naturnahen Kindheit als Grundlage jeder echten Geistesentwicklung.
Fehlgeburt als geistige Warnung
Steiners Hinweis auf die »Fehlgeburt auf geistigem Gebiet« spiegelt seine tiefe Ernsthaftigkeit in Bezug auf Geburt und Erstentwicklung wider. Wie eine physische Fehlgeburt das Resultat gestörter Entwicklungsprozesse ist, so kann auch die geistige Entwicklung missglĂŒcken, wenn ihre Gesetze nicht respektiert werden.
4. AbschlieĂende Bewertung
GA 10 behandelt das erste Lebensjahr nicht als eigenstĂ€ndiges Thema, nutzt es aber als tragendes ErklĂ€rungsbild fĂŒr die tiefsten GesetzmĂ€Ăigkeiten menschlicher Entwicklung. Die Geburt des Kindes, sein Leben im Mutterleib, sein »dunkles LebensgefĂŒhl« und die Ausbildung seiner Sinnesorgane dienen Steiner als Beweis dafĂŒr, dass Entwicklung immer einer vorbereitenden Phase bedarf, in der die notwendigen Organe und Anlagen gebildet werden, bevor sie aktiv eingesetzt werden können. Das Neugeborene, das mit Augen und Ohren, aber noch ohne ausgebildete UrteilsfĂ€higkeit zur Welt kommt, ist fĂŒr Steiner das vollkommene Naturbild des Geistes, der sich in einer unentfalteten, aber vollstĂ€ndig angelegten Form zeigt. Diese Auffassung verleiht dem ersten Lebensjahr höchste Bedeutung: Es ist die Zeit, in der der Organismus die Grundbedingungen fĂŒr alles spĂ€tere Erleben und Erkennen legt.
5. Literaturangabe
Steiner, Rudolf: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? Dornach (CH): Rudolf Steiner Verlag, 1993 (24. Auflage). Gesamtausgabe Bibliographie-Nr. 10. ISBN 3-7274-0100-1. [Quelldatei: 010.txt]