Rudolf Steiner, GA 107: âGeisteswissenschaftliche Menschenkunde. Neunzehn VortrĂ€ge, gehalten in Berlin zwischen dem 19. Oktober 1908 und 17. Juni 1909″. 5. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1988.
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Passage 1
Siebzehnter Vortrag: âLachen und Weinen. Die Physiognomie des Göttlichen im Menschen“, 27. April 1909
(S. ca. 265â267)
âAber etwas anderes ist es, wann dieser Wesenskern, diese IndividualitĂ€t des Menschen anfangen kann, an dem Menschen zu arbeiten, an dem Menschen zu gestalten. Wenn also das Kind geboren ist, so ist bereits in dem Kinde, wie gesagt, der individuelle Wesenskern. Aber er kann vor der Geburt als solcher nicht dasjenige geltend machen, nicht das zur Wirkung bringen, was er im letzten Leben, oder ĂŒberhaupt in den verflossenen Leben, sich als FĂ€higkeiten angeeignet hat; er muĂ warten bis nach der Geburt. So daĂ wir sagen können: Vor der Geburt sind tĂ€tig am Menschen die Ursachen fĂŒr alle diejenigen Merkmale und Eigenschaften, die zu den vererbten gehören, die wir erben können von Vater, Mutter und den anderen Vorfahren. â Obwohl, wie gesagt, des Menschen Wesenskern bei alledem schon dabei ist, so kann er doch erst in das ganze Getriebe eingreifen, wenn das Kind zur Welt gekommen ist.
Dann, wenn das Kind sozusagen das Licht der Welt erblickt hat, beginnt dieser individuelle Wesenskern des Menschen den Organismus umzugestalten; natĂŒrlich versteht sich das unter allgemeinen VerhĂ€ltnissen, in AusnahmefĂ€llen ist es wieder anders. Da arbeitet er sich das Gehirn und die anderen Organe so um, daĂ sie Werkzeuge werden können dieses individuellen Wesenskernes. Deshalb sehen wir, wie das Kind bei seiner Geburt mehr diejenigen Eigenschaften an sich trĂ€gt, die es durch Vererbung erlangt hat, und wie dann immer mehr und mehr die individuellen Eigenschaften sich hineinarbeiten in das Allgemeine des Organismus. Wenn wir sprechen wollen von einer Arbeit der IndividualitĂ€t an dem Organismus vor der Geburt, so wĂŒrde das in ein ganz anderes Kapitel gehören. Wir können zum Beispiel auch davon sprechen, daĂ schon das Aussuchen des Elternpaares eine Arbeit der IndividualitĂ€t wĂ€re. Aber auch dies ist im Grunde genommen ja eine Arbeit von auĂen. Alles Arbeiten vor der Geburt wĂ€re von seiten des individuellen Wesenskernes ein Arbeiten von auĂen durch Vermittlung zum Beispiel der Mutter und so weiter. Aber das eigentliche Arbeiten des individuellen Wesenskernes an dem Organismus selbst beginnt eben erst, wenn das Kind das Licht der Welt erblickt hat. Deshalb, weil es so ist, kann auch dieses eigentlich Menschliche, das Individuelle, erst nach der Geburt im Menschen allmĂ€hlich seinen Ausdruck finden.
Das Kind hat deshalb zunĂ€chst noch gewisse Eigenschaften mit der Tierheit gemeinsam, und das sind ja gerade solche Eigenschaften, die ihren Ausdruck in dem finden, was wir heute besprechen wollen, im Lachen und Weinen. In der allerersten Zeit nach der Geburt kann das Kind im wirklichen Sinne des Wortes nicht lachen und weinen. In der Regel ist es erst der vierzigste Tag nach der Geburt, wo das Kind zur TrĂ€ne kommt, und dann auch zum LĂ€cheln, weil dasjenige, was sich aus den frĂŒheren Leben hinĂŒbergelebt hat, da erst arbeitet, von da ab sich erst hineinsenkt in das Innere des Leiblichen und von da ab das Leibliche zu seinem Ausdruck macht. Gerade das ist es, was dem Menschen seine Erhabenheit ĂŒber das Tier gibt, daĂ wir beim Tiere nicht sagen können, eine individuelle Seele zieht sich von Inkarnation zu Inkarnation. Was dem Tier zugrunde liegt, das ist die Gruppenseele, und wir können nicht sagen, was individuell beim Tiere ist, verkörpere sich wieder. Es zieht sich zurĂŒck in die Gruppenseele und wird etwas, was nur in der Gruppenseele des Tieres weiterlebt. Beim Menschen nur bleibt erhalten, was er sich in der einen Inkarnation erarbeitet hat, und das geht dann, wenn der Mensch durch das Devachan gegangen ist, in eine neue Inkarnation ein. In dieser neuen Inkarnation arbeitet es den Organismus allmĂ€hlich um, so daĂ er nicht nur ein Ausdruck der EigentĂŒmlichkeiten seiner physischen Vorfahren ist, sondern daĂ er ein Ausdruck wird fĂŒr die individuellen Anlagen, Talente und so weiter.“
Passage 2
Neunzehnter Vortrag: âEvolution, Involution und Schöpfung aus dem Nichts“, 17. Juni 1909
(S. ca. 296)
âWir wissen, daĂ der Mensch sich in sehr komplizierter Weise nach und nach heranentwickelt. Wir haben es wiederholt hervorgehoben, wie der Mensch in den ersten sieben Jahren seines Lebens, bis zum Zahnwechsel, in ganz anderer Art seine Entwickelung zu besorgen hat als spĂ€ter bis zum vierzehnten, dann wieder vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Jahr. Das alles soll heute nur ganz obenhin berĂŒhrt werden, denn es ist Ihnen schon bekannt. Wir wissen, daĂ fĂŒr den, der geisteswissenschaftlich die Dinge betrachtet, eine mehrmalige Geburt des Menschen eintritt.
Der Mensch wird geboren in die physische Welt hinein, wenn er den Leib der Mutter verlĂ€Ăt, er streift von sich ab die physische MutterhĂŒlle. Dann aber wissen wir, daĂ der Mensch, wenn er die physische MutterhĂŒlle abgestreift hat, noch immer eingeschlossen ist in einer anderen, zweiten, Ă€therischen MutterhĂŒlle. Wenn das Kind so heranwĂ€chst bis zum siebenten Jahre, da ist dasjenige, was wir den Ătherleib des Kindes nennen, allseitig umgeben von Ă€uĂeren Ătherströmungen, die der Umwelt angehören, geradeso wie der physische Leib bis zur Geburt umgeben ist von der physischen MutterhĂŒlle. Und mit dem Zahnwechsel wird hinweggestreift diese ĂtherhĂŒlle, und dann ist erst der Ă€therische Leib geboren, mit dem siebenten Jahre. Dann aber ist noch immer der astralische Leib eingehĂŒllt in die astralische MutterhĂŒlle, die abgestreift wird mit der Geschlechtsreife. Danach entwickelt sich der Astralleib des Menschen frei bis zu dem einundzwanzigsten oder zweiundzwanzigsten Jahre, wo das eigentliche Ich des Menschen im Grunde genommen erst geboren wird, wo der Mensch erst zur vollstĂ€ndigen inneren IntensitĂ€t erwacht, wo aus dem Innern erst dasjenige sich herausarbeitet, was sich als ein Ich entwickelt hat durch die verschiedenen Inkarnationen, die er frĂŒher durchgemacht hat.“
Passage 3
Neunzehnter Vortrag: âEvolution, Involution und Schöpfung aus dem Nichts“, 17. Juni 1909
(S. ca. 297â299)
âFĂŒr das hellseherische BewuĂtsein stellt sich da eine ganz besondere Tatsache heraus. Betrachten Sie einmal ein ganz junges Kind durch ein paar Wochen, vielleicht auch Monate hindurch. Da sehen Sie das Haupt, den Kopf dieses Kindes umgeben von Ă€therischen, astralischen Strömungen und KrĂ€ften. Diese Ă€therisch-astralischen Strömungen und KrĂ€fte werden aber allmĂ€hlich undeutlicher und verlieren sich nach einiger Zeit. Was geht da eigentlich vor? Was da vorgeht, können Sie eigentlich schon erschlieĂen ohne hellseherische Beobachtung, aber die hellseherische Beobachtung bestĂ€tigt das, was jetzt gesagt wird. Sie können sich sagen, daĂ das Gehirn des Menschen unmittelbar nach seiner Geburt noch nicht so ist wie spĂ€ter, nach einigen Wochen oder Monaten. Das Kind nimmt zwar die AuĂenwelt schon wahr, aber in seinem Gehirn ist noch nicht solch ein Instrument gegeben, daĂ es die Ă€uĂeren EindrĂŒcke in einer bestimmten Weise miteinander verbinden kann. Da sind einzelne Verbindungsnerven, die von einer zur anderen Gehirnpartie verlaufen und die erst ausgebildet werden, wenn das Kind schon geboren ist. Diese VerbindungsstrĂ€nge, durch die der Mensch allmĂ€hlich lernt, das, was er in der AuĂenwelt sieht, gedanklich zu verknĂŒpfen, werden erst nach und nach ausgebildet, nachdem das Kind schon geboren ist. Ein Kind wird, sagen wir meinetwegen, eine Glocke hören, wird auch die Glocke sehen, aber nicht gleich wird es den Gehör- und Gesichtseindruck verbinden zu dem Urteil: Die Glocke tönt. â Das lernt es erst allmĂ€hlich, weil die Partie im Gehirn, welche das Instrument ist fĂŒr die Wahrnehmung des Tones, und die Partie, welche das Instrument ist fĂŒr die Gesichtswahrnehmung, erst im Laufe des Lebens miteinander verbunden werden. So daĂ erst dadurch ein Urteil möglich wird und es sagen kann: Das, was ich da sehe, ist dasselbe, was auch tönt. â So also werden solche VerbindungsstrĂ€nge im Gehirn ausgebildet, und diejenigen KrĂ€fte, welche die VerbindungsstrĂ€nge herausgliedern, sind in den ersten Wochen der kindlichen Entwickelung fĂŒr den Hellseher zu sehen wie etwas, was das Gehirn noch extra einhĂŒllt. Aber das, was das Gehirn einhĂŒllt, geht hinein in das Gehirn und lebt spĂ€ter im Gehirn drinnen, arbeitet nicht mehr von auĂen, sondern im Innern des Gehirns. Dieses, was da in den ersten Wochen der kindlichen Entwickelung Ă€uĂerlich arbeitet, könnte nicht weiter arbeiten an der ganzen Entwickelung des heranwachsenden Menschen, wenn es nicht geschĂŒtzt wĂ€re durch die verschiedenen HĂŒllen. Denn wenn das, was ich zuletzt geschildert habe, was da von auĂen arbeitet und dann hineingeht in das Gehirn, drinnen ist, dann entwickelt es sich unter der schĂŒtzenden HĂŒlle zuerst des Ăther-, dann des astralischen Leibes, und erst mit dem zweiundzwanzigsten Jahre wird das, was da von auĂen gearbeitet hat, von innen heraus tĂ€tig. Was zuerst auĂer dem Menschen war in den ersten Monaten seines Daseins, was dann hineingeschlĂŒpft ist, das wird hĂŒllenlos tĂ€tig erst im zwanzigsten bis zweiundzwanzigsten Jahre, da wird es frei, dann entwickelt es die IntensitĂ€t, die schon erwĂ€hnt wurde.“