Rudolf Steiner, GA 127: „Die Mission der neuen Geistesoffenbarung. Das Christus-Ereignis als Mittelpunktsgeschehen der Erdenevolution“. Sechzehn Vorträge, gehalten zwischen dem 5. Januar und 26. Dezember 1911 an verschiedenen Orten. Rudolf Steiner Verlag, Dornach/Schweiz, 2. Auflage 1989 (1. Auflage 1975).
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Passage 1
Die Beziehung der menschlichen Wesensglieder zur Menschheitsentwickelung und zum Lebenslauf. Gottessohn und Menschensohn, München, 11. Februar 1911
(S. ca. 64)
„Wir haben namentlich als eine sehr wichtige Zeit im Verlauf des menschlichen Einzellebens jene Zeit, welche die drei ersten Lebensjahre ungefähr umfaßt. Im Grunde ist jeder Mensch da ein ganz anderes Wesen als später. Wir wissen, daß diese drei ersten Jahre und die spätere Zeit scharf voneinander abgegrenzt sind durch zwei Tatsachen. Die eine ist diese, daß der Mensch erst nach Verlauf dieser Zeit lernt, das Ich zu erfassen, zu sich Ich zu sagen, seine Ichheit zu verstehen. Das andere ist, daß der Mensch, wenn er sich später zurückerinnert, sich nur bis an diesen Zeitpunkt höchstens zurückerinnert, der diesen Zeitraum von dem späteren Leben trennt. Kein Mensch weiß im normalen Zustand irgend etwas, was diesem Zeitpunkt vorangeht. Der Mensch ist da ein ganz anderes Wesen in einer gewissen Beziehung. Und wenn auch wiederum heutige Psychologen die unglaublichsten Kindereien sagen, müssen wir dennoch an dieser Erkenntnis festhalten, daß in der Tat der Mensch zu einem Bewußtsein seiner Ichheit erst nach Verlauf dieser Zeit kommt. Es gibt heute schon sogar Psychologien, in denen man lesen kann, der Mensch lernte zuerst denken und dann sprechen. Nun, solches Blech, wie es heute geschrieben wird in populären psychologischen Schriften, ist nur möglich in einem Zeitalter, in dem diejenigen Menschen, die heute an den offiziellen Stellen Psychologie treiben, als ernsthafte Wissenschafter angesehen werden. Diese Tatsache gehört zu den wichtigsten, daß wir die Scheidung dieser ersten Lebensjahre von den späteren ins Auge fassen und sozusagen die ersten Lebensjahre hindurch den Menschen als ein ganz anderes Wesen ansehen als später. Später erst tritt das Ich des Menschen, dasjenige, woran alles gebunden ist, auf. Aber kein Mensch sollte behaupten, daß dieses Ich vorher untätig war. Es war natürlich nicht untätig. Es wird nicht erst geboren im dritten Jahre; es war da, es hatte nur eine andere Aufgabe als in die Tätigkeit des Bewußtseins einzugreifen.“
Passage 2
Die Beziehung der menschlichen Wesensglieder zur Menschheitsentwickelung und zum Lebenslauf. Gottessohn und Menschensohn, München, 11. Februar 1911
(S. ca. 65)
„Was hatte es für eine Aufgabe? Es ist der wichtigste spirituelle Faktor bei der Bildung der drei Hüllen des Kindes, des Astralleibes, Ätherleibes und physischen Leibes. Die physische Hülle des Gehirns wird fortwährend umgebildet. Da haben wir fortwährend das Ich an der Arbeit. Es kann nicht bewußt werden, weil es eine ganz andere Aufgabe hat: es muß erst das Werkzeug des Bewußtseins formen. Dasselbe, was uns später bewußt wird, arbeitet erst an unserem physischen Gehirn in den ersten Lebensjahren. Es ist sozusagen nur eine Änderung der Aufgabe des Ich. Erst arbeitet es an uns, dann in uns. Es ist wirklich ein Plastiker zuerst, dieses Ich, und es ist unsagbar, was dieses Ich an der Formung selbst dieses physischen Gehirns leistet. Ein gewaltiger Künstler ist dieses Ich. Aber wer gibt ihm die Kraft? Diese Kraft hat es aus dem Grunde, weil in das Ich in den ersten drei Lebensjahren die Kräfte der nächsthöheren Hierarchie, der Engel einströmen. In der Tat arbeitet – das ist kein Bild, das ist kein Gleichnis, sondern tatsächlich eine Wahrheit – im Menschen durch das Ich des Menschen Engel, das heißt eine Wesenheit der nächsthöheren Hierarchie. Diese Wesenheit arbeitet in dem Ich und durch das Ich an dem Menschen, ihn plastisch ausgestaltend. Es ist, wie wenn der Mensch den ganzen Strom des spirituellen Lebens hätte, als ob er zu den höheren Hierarchien hinaufflösse und da die Kräfte der höheren Hierarchien auf ihn hereinströmten. Und in dem Augenblick, wo er lernt Ich zu sagen, ist es so, als ob etwas von der Kraft abgetrennt würde, wie wenn er dazu berufen würde, etwas zu tun von dem, was der Engel vorher tat.“
Passage 3
Die Arbeit des Ich am Kinde. Ein Beitrag zum Verständnis der Christus-Wesenheit, Zürich, 25. Februar 1911
(S. ca. 88)
„Nun fragen wir uns: Wenn das Ich-Erlebnis in den ersten drei Jahren nicht da war, war da auch das Ich nicht da im Kinde? – Man muß unterscheiden, ob wir von dem, was in uns ist, etwas wissen, oder ob es ohne unser Wissen in uns ist. Das Ich ist im Kinde, nur weiß es nichts davon, so wie der Mensch im Schlaf mit dem Ich verbunden ist, aber nichts davon weiß. Es ist, daß wir von etwas wissen, nicht maßgebend dafür, daß etwas da ist. Wir müssen sagen: Das Ich ist da, aber es ist nicht bewußt beim Kinde. Wie ist es denn mit dem Ich? – Ja, das hat seine eigene Bewandtnis. Wenn Sie das menschliche Gehirn rein physisch untersuchen würden, so würden Sie sehen, daß das Gehirn nach der Geburt im Verhältnis zur späteren Gestalt ziemlich unvollkommen aussieht. Manche von den feinen Windungen müssen erst später ausgestaltet, müssen erst in den nächsten Jahren plastisch ausziseliert werden. Das macht das Ich beim Menschen, und weil es das zu tun hat, deshalb kann es nicht zum Bewußtsein kommen. Es hat das Gehirn auszubilden als etwas anderes, in feinerer Gestalt so, daß es später denken kann. Das Ich ist sehr arbeitsam in den ersten Jahren.“
Passage 4
Die Arbeit des Ich am Kinde. Ein Beitrag zum Verständnis der Christus-Wesenheit, Zürich, 25. Februar 1911
(S. ca. 89)
„Und da erhalten wir die Antwort, daß das Ich bei seiner Tätigkeit unter der Anleitung der Wesenheiten der höheren Hierarchien steht. Wenn wir einen kindlichen Menschen vor uns haben und ihn hellseherisch betrachten, so ist sein Ich als Ich-Aura wohl da, aber von dieser Ich-Aura gehen die Strömungen zu den höheren Hierarchien, zu den Engeln, Erzengeln und so weiter, und herein strömen die Kräfte der Hierarchien. Wenn daher im naiven Bewußtsein gesagt wird, das Kind ist von einem Engel beschützt, so ist dies eine sehr reale Wahrheit.“
Passage 5
Die Arbeit des Ich am Kinde. Ein Beitrag zum Verständnis der Christus-Wesenheit, Zürich, 25. Februar 1911
(S. ca. 96)
„Da muß es uns erst einmal klar sein, daß der Mensch sich von Anfang an ganz radikal unterscheidet von allen übrigen Wesen. Wenn Sie etwas Nahestehendes, etwa ein Affenwesen, betrachten: Es ist diesem von allem Anfang an durch eine eigentümliche Gleichgewichtslage eingepflanzt sein Gang; durch die eigentümliche Gleichgewichtslage, wie seine Glieder angebracht sind. Der Mensch kann zunächst überhaupt nicht gehen, er muß erst die Gleichgewichtslage im Leibe erringen. Er muß seine Glieder durch die Arbeit seines Ich in jene Lage bringen, in der er sich aufrechterhalten und gehen kann. So muß dieses Ich in den ersten Kindheitsjahren nicht nur daran arbeiten, das Gehirn plastisch auszugestalten, es muß auch die Gleichgewichtslage erringen, die dem Menschen nicht so von vornherein gegeben ist wie den Tieren. Der Mensch muß seine Knochen erst in die Winkelrichtung bringen, die er gemäß seinem Schwerpunkte haben muß, um gehen zu können, um seinen Weg zu finden. Dem Tier ist dieses von vorneherein eingepflanzt, bis herauf zum höchsten Tier. Beim Menschen muß dies erst durch die Arbeit des Ich nach und nach errungen werden. Vorher kriecht er oder fällt um. So würde der Mensch an den Boden gefesselt sein, an denselben Ort, wenn sein Ich nicht arbeiten würde in den ersten Jahren seines Lebens.“
Passage 6
Der dreifache Ruf aus der geistigen Welt (Notizen aus einem Vortrag zur Einweihung des Zweiges Heidenheim), Heidenheim, 30. November 1911
(S. ca. 239)
„Und wenn dann das Kind in seinen ersten Lebensjahren den Moment erlebt, wo es anfängt die Sprache zu gebrauchen, aber sich noch keine Gedanken darüber macht, die Sprache lernt, ohne seine schlummernden denkerischen Fähigkeiten noch zu benützen, so ist das im einzelnen Menschen die Zeit des der Menschheit ertönenden zweiten Rufes durch Johannes den Täufer, dem Rufer in der Einsamkeit.“