GA 55: Die Erkenntnis des Ăbersinnlichen in unserer Zeit und deren Bedeutung fĂŒr das heutige Leben
Dreizehn öffentliche VortrÀge, gehalten zwischen dem 11. Oktober 1906 und dem 26. April 1907 im Architektenhaus zu Berlin
GA 55 enthĂ€lt mehrere VortrĂ€ge mit pĂ€dagogischen und entwicklungsbeschreibenden AusfĂŒhrungen zur frĂŒhen Kindheit, zum ersten Lebensjahr und zur Epoche von der Geburt bis zum Zahnwechsel.
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PASSAGE 1: Geburt, physischer Leib und die drei Geburten des Menschen
«Das wird geleistet in der Epoche von der Geburt bis zum Zahnwechsel. Da arbeitet das physische Prinzip am physischen Leibe so, wie die KrĂ€fte und Stoffe des mĂŒtterlichen Organismus am Kindeskeim arbeiten, bevor das Kind geboren ist. Vom siebenten Jahre bis zur Geschlechtsreife arbeitet am physischen Leibe hauptsĂ€chlich das Ătherprinzip, und von der Geschlechtsreife an arbeiten die KrĂ€fte, die innerhalb des Astralleibes verankert sind.»
«Mit der Geburt drĂ€ngt er gleichsam den mĂŒtterlichen Leib zurĂŒck, seine Sinne werden frei, und nun ist es möglich, daĂ die Ă€uĂere Welt anfĂ€ngt, auf den menschlichen Organismus einzuwirken. Da stöĂt der Mensch auch eine HĂŒlle von sich, und derjenige erst begreift richtig die Entwicklung des Menschen, der begreift, daĂ zwar nicht im physischen, aber im geistigen Leben etwas Ăhnliches in der Zeit des Zahnwechsels vor sich geht. Um das siebente Jahr herum wird der Mensch richtig ein zweites Mal geboren. Da wird nĂ€mlich sein Ătherleib zur freien TĂ€tigkeit geboren, wie sein physischer Leib zur Zeit der Geburt.»
«So wie physisch der Mutterleib an dem Menschenkeim in der Zeit vor der Geburt arbeitet, so arbeiten geistige KrĂ€fte des WeltenĂ€thers bis zum Zahnwechsel an dem Ătherleib des Menschen, und sie werden um das siebente Jahr herum ebenso zurĂŒckgedrĂ€ngt wie der Mutterleib bei der physischen Geburt. Bis zum siebenten Jahre liegt der Ătherleib wie latent im physischen Leibe.»
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PASSAGE 2: Ătherleib, Zahnwechsel und die Freiheit der Leibesglieder
«Wenn wir den Menschen bis zum siebenten Jahr betrachten, so enthĂ€lt er eine ganze Summe von Vererbungstatsachen, die er nicht mit seinem eigenen Prinzip erbaut hat, sondern die er von den Vorfahren ererbt erhalten hat. Dazu gehört das, was man die MilchzĂ€hne nennt. Erst die ZĂ€hne, die nach dem Zahnwechsel kommen, sind im Kinde die eigene Schöpfung des Prinzips, das als physisches dazu veranlagt ist, die feste StĂŒtze zu bilden.»
«Wir mĂŒssen uns klarmachen, daĂ in den ersten sieben Jahren des Lebens nur jene Essenz, die wir die Essenz des physischen Leibes nannten, vollstĂ€ndig frei wirkt, daĂ sie die physische Form gibt; sie leitet die physische Struktur ein. Die Organe wachsen in der AuĂenwelt heran, so daĂ sie ihre Form, ihre Anlage haben und nur noch weiterwachsen brauchen.»
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PASSAGE 3: Nachahmung und Vorbild â das Erziehungsprinzip der ersten sieben Jahre
«DafĂŒr konnten wir zwei Zauberworte anfĂŒhren: Nachahmung und Beispiel oder Vorbild. Alles, was um das Kind herum ist, wird von ihm nachgeahmt, und diese Nachahmung lockt die inneren Organe zu ihrer Form. Wenn auch das Gehirn mit dem siebenten Jahre noch sehr unvollkommen ist, die Richtung hat es doch erhalten, und was ihm bis dahin vorenthalten ist, kann es spĂ€ter nicht mehr nachholen.»
«Eine FĂ€higkeit des Menschen ist hierbei maĂgebend, der Nachahmungstrieb. Der griechische Philosoph Aristoteles sagt bezeichnend: Der Mensch ist das nachahmendste der Tiere. Bis zum Zahnwechsel ist das fĂŒr das Kind besonders zutreffend; da steht es unter dem Zeichen der Nachahmung. Daher muĂ man in die Umgebung des Kindes alles das bringen, was durch die Sinnesorgane bildend auf dasselbe wirken kann. Dasjenige, was als Lichtstrahl durchs Auge, als Ton durchs Ohr dringt, hat die Bedeutung, daĂ es fĂŒr die physischen Organe bildend wirkt. Durch Ermahnung hingegen wird nichts erlangt in diesen Jahren. Gebot und Verbot haben gar keine Wirkung. Die gröĂte Bedeutung aber hat das Vorbild.»
«Es muĂ deshalb das Vorbild so sein, daĂ durch Nachahmung desselben im Kinde innere KrĂ€fte erweckt werden können. Darum kann man durch Predigen nichts nĂŒtzen, nur dadurch, wie man in der Umgebung des Kindes ist. Daher soll man mit dem, was man tut, auf die Gegenwart des Kindes RĂŒcksicht nehmen, sich nicht gestatten etwas zu tun, was es nicht nachahmen darf.»
«FĂŒr jedes Lebensalter ist der entsprechende EinfluĂ nötig, fĂŒr das erste Vorbild, Nachahmung, fĂŒr das zweite AutoritĂ€t und Nacheiferung, fĂŒr das dritte GrundsĂ€tze.»
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PASSAGE 4: Freude, Farbe und organische Bildung in den ersten Jahren
«So ist es nicht gleichgĂŒltig, ob das kleine Kind Schmerz und Leid oder Freude und Lust um sich her sieht. Denn Freude und Lust begrĂŒnden gesunde Anlagen, sind gesunde Organbildner; was anderes einflieĂt, kann zum BegrĂŒnder von Krankheit werden. Alles um das Kind herum sollte Freude und Lust atmen, und beides hervorzurufen sollte der Erzieher bedacht sein, bis auf die Farbe der Kleider, der Tapeten und der GegenstĂ€nde.»
«Freude ist der Praktiker in den ersten Lebensjahren, und die gesunden Lebensinstinkte sind die Bildner, die man nur nicht verderben soll.»
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PASSAGE 5: Muttermilch, SĂ€uglingsalter und der Zusammenhang der Ătherleiber
«Bei der ErnĂ€hrungsfrage tritt ein innerlicher Zusammenhang hervor zwischen der Muttermilch und dem Kinde, der sich dadurch ausdrĂŒckt, daĂ in den ersten Lebensjahren geradezu ein geistiges VerhĂ€ltnis zwischen der Mutter und dem Kinde besteht; und eine Mutter, die ihr Kind selbst nĂ€hrt, beachtet das. In der Muttermilch ist nicht bloĂ das, was physisch und chemisch ist, es ist etwas, was geistig verwandt ist mit dem Kinde. Der Geisteswissenschafter sieht da etwas, was aus dem Ătherleib der Mutter herausgeboren ist, und weil der Ătherleib des Kindes noch ungeboren ist, so vertrĂ€gt er in der ersten Zeit insbesondere nur das, was schon durch einen anderen Ătherleib zubereitet ist.»
«Prozentual betrachtet: Etwa 16 bis 20 Prozent derjenigen Kinder, die im SÀuglingsalter sterben, sind solche, die von der eigenen Mutter genÀhrt werden; dagegen 26 bis 30 Prozent solche, die von Fremden genÀhrt werden. Darin sehen Sie den Zusammenhang zwischen den Lebensleibern.»
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PASSAGE 6: Vom ersten bis zum dritten Jahr â Friedrich August Wolfs Stufenschema
«Friedrich August Wolf charakterisierte die Stufen des Menschen von der Kindheit an folgendermaĂen. Erste Epoche: das goldene mildharmonische Alter vom ersten bis zum dritten Jahre. Es entspricht dem Leben der heutigen Indianer und SĂŒdseeinsulaner. Zweite Epoche: sie spiegelt wider die KĂ€mpfe in Asien, deren WiderschlĂ€ge und Wirkungen in Europa, die Heroenzeit der Griechen; weiter hinaus die Zeit der nordamerikanischen Wilden, und im einzelnen Kinde die Lebensepoche bis zum sechsten Jahre.»
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PASSAGE 7: Jean Pauls Ausspruch ĂŒber das Kind und seine Amme
«Jean Paul sagt: Ein Weltreisender, der alle LÀnder durchquert, lernt auf allen seinen Reisen nicht soviel, wie das Kind bis zum siebenten Jahre von seiner Amme.»
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PASSAGE 8: Kinderlied, Rhythmus und Klang in den ersten Lebensjahren
«Vom ersten bis siebenten Jahre sang man vor, allerlei Verse, die guten alten Ammen- und Kinderlieder. Es kommt dabei nicht auf den Sinn an, und so finden wir in alten Liedern zwischen bedeutungsvollen Zeilen etwas, was nur wegen des Klanges da ist. Es kam beim Vorsingen nur auf den Zusammenklang und die Harmonie fĂŒr das kindliche Ohr an, daher die oft sinnlosen Reime.»
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PASSAGE 9: Erziehung bis zum siebenten Jahr â physischer Leib als MaĂstab
«Vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus darf auf den Menschen bis zum siebten Jahre erzieherisch nur so gewirkt werden, daĂ wir bewuĂt nur seinen physischen Körper beeinflussen. Wir dĂŒrfen seinen Ătherleib vorher so wenig beeinflussen wie den physischen vor der Geburt.»
«Bis zum siebenten Jahre ist nur der physische Leib den Wirkungen von auĂen ĂŒbergeben; daher dĂŒrfen wir bis dahin nur diesen erziehen. Und wenn in dieser Zeit etwas von auĂen an den Ătherleib herangebracht wird, so ist das eine VersĂŒndigung gegen die Gesetze der Menschenerziehung.»