GA 36 â Der Goetheanum-Gedanke inmitten der Kulturkrisis der Gegenwart. Gesammelte AufsĂ€tze 1921â1925 aus der Wochenschrift «Das Goetheanum»
Befund: Relevante Inhalte zum ersten Lebensjahr des Menschen
In GA 36 finden sich in den pĂ€dagogischen AufsĂ€tzen zwei einander ergĂ€nzende Passagen, die das Wesen des Kindes von der Geburt bis zum Zahnwechsel â und damit auch das erste Lebensjahr â beschreiben.
1. Ătherischer Organismus und Nachahmung vor dem Zahnwechsel
âMan sehe auf das Kind hin. Es entwickelt um das siebente Lebensjahr herum seine zweiten ZĂ€hne. Diese Entwickelung ist nicht das Werk bloĂ des Zeitabschnittes um das siebente Jahr herum. Sie ist ein Geschehen, das mit der Embryonalentwickelung beginnt und im zweiten Zahnen nur den AbschluĂ findet. Es waren immer schon KrĂ€fte in dem kindlichen Organismus tĂ€tig, welche auf einer gewissen Stufe der Entwickelung die zweiten ZĂ€hne zur Entwickelung bringen. Diese KrĂ€fte offenbaren sich in dieser Art in den folgenden Lebensabschnitten nicht mehr. Weitere Zahnbildungen finden nicht statt. Aber die entsprechenden KrĂ€fte haben sich nicht verloren; sie wirken weiter; sie haben sich bloĂ umgewandelt. Sie haben eine Metamorphose durchgemacht.
Betrachtet man in dieser Art den kindlichen Organismus in seiner Entfaltung, so kommt man darauf, daĂ die KrĂ€fte, um die es sich da handelt, vor dem Zahnwechsel in dem physischen Organismus tĂ€tig sind. Sie sind untergetaucht in die ErnĂ€hrungs- und Wachstumsprozesse. Sie leben in ungetrennter Einheit mit dem Körperlichen. Um das siebente Lebensjahr herum machen sie sich von dem Körper unabhĂ€ngig. Sie leben als seelische KrĂ€fte weiter. Wir finden sie in dem Ă€lteren Kinde tĂ€tig im FĂŒhlen, im Denken.
Die Anthroposophie zeigt, wie dem physischen Organismus des Menschen ein Àtherischer eingegliedert ist. Dieser Àtherische Organismus ist bis zum siebenten Lebensjahre in seiner ganzen Ausdehnung im physischen Organismus tÀtig. In diesem Lebensabschnitte wird ein Teil des Àtherischen Organismus frei von der unmittelbaren BetÀtigung am physischen Organismus. Er erlangt eine gewisse SelbstÀndigkeit. Mit dieser wird er auch ein selbstÀndiger, von dem physischen Organismus relativ unabhÀngiger TrÀger des seelischen Lebens.
Da sich aber das seelische Erleben nur mit Hilfe dieses Ă€therischen Organismus im Erdendasein entfalten kann, so steckt das Seelische vor dem siebenten Lebensjahre ganz in dem Körperlichen darinnen. Soll in diesem Lebensalter Seelisches wirksam werden, so muĂ die Wirksamkeit körperlich sich offenbaren. Das Kind kann nur mit der AuĂenwelt in ein VerhĂ€ltnis kommen, wenn dieses VerhĂ€ltnis einen Reiz darstellt, der körperlich sich ausleben kann. Das ist nur dann der Fall, wenn das Kind nachahmt. Vor dem Zahnwechsel ist das Kind ein rein nachahmendes Wesen im umfassendsten Sinne. Seine Erziehung kann nur darinnen bestehen, daĂ die Menschen seiner Umgebung ihm das vormachen, was es nachahmen soll.“
2. Das Kind als Sinneswesen â Gehirnbildung und Sprechenlernen
âDas Kind lebt bis zu dem Zeitabschnitte, in dem es, um das siebente Jahr herum, den Zahnwechsel durchmacht, ganz an seine Umgebung hingegeben. Man möchte sagen, das Kind ist ganz Sinn. Wie das Auge in den Farben lebt, so das ganze Kind in den LebensĂ€uĂerungen seiner Umgebung. Jede Geste, jede Bewegung des Vaters, der Mutter wird in entsprechender Art im ganzen Innenorganismus des Kindes miterlebt. â Bis in diesen Zeitabschnitt wird von der menschlichen Wesenheit das Gehirn gestaltet. Und vom Gehirn geht in dieser Lebensepoche alles aus, was dem Organismus sein InnengeprĂ€ge gibt. Und im Gehirn bildet sich in feinster Weise nach, was sich durch die Umgebung als Lebensoffenbarung abspielt. Das Sprechenlernen des Kindes beruht ja ganz darauf.
Es sind aber nicht bloĂ die ĂuĂerlichkeiten im Verhalten der Umgebung, die im Kindeswesen weiterschwingen und die dessen Innerem den Charakter aufprĂ€gen, sondern mit den ĂuĂerlichkeiten der seelische und moralische Inhalt. Ein Vater, der sich vor dem Kinde in LebensĂ€uĂerungen offenbart, die dem JĂ€hzorn entspringen, wird die Veranlassung dazu, daĂ bis in die feinsten organischen Gewebestrukturen das Kind die Neigung zum gestenhaften Darleben des JĂ€hzorns aufnimmt. Eine furchtsam, zaghaft sich verhaltende Mutter pflanzt dem Kinde organische Strukturen und Bewegungstendenzen ein, die bewirken, daĂ dasselbe an seinem Körper ein Werkzeug hat, das dann die Seele im furchtsamen, zaghaften Sinne gebrauchen will.“