Rudolf Steiner, GA 96: „Ursprungsimpulse der Geisteswissenschaft. Christliche Esoterik im Lichte neuer Geist-Erkenntnis“. Vorträge, gehalten zwischen dem 29. Januar 1906 und 12. Juni 1907 in Berlin. Dornach, 1. Auflage 1974 / 2. Auflage 1989.
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Passage 1
Erziehungspraxis auf der Grundlage spiritueller Erkenntnis, Berlin, 14. Mai 1906
(S. ca. 62)
„Wenn Sie sich eine richtige Vorstellung davon bilden wollen, so müssen Sie sich klarmachen, daß vor den Zeitabschnitten, in denen der Mensch äußerlich gesehen werden kann, noch der Zeitabschnitt vor der Geburt liegt, wo der Mensch im Leibe der Mutter lebt. Sie müssen rein physisch unterscheiden zwischen dem Leben vor der Geburt und den folgenden Zeiträumen und sich klarmachen, daß der Mensch nicht leben könnte, wenn er zu früh geboren würde, zu früh in die äußere sichtbare Welt treten würde. Er könnte in der äußeren Welt nicht leben, weil seine Sinnesorgane, mit denen er mit der äußeren Welt in Verkehr tritt, noch nicht genügend ausgebildet sind. Während der Mensch bis zu seiner Geburt vom Mutterleib umschlossen ist, werden seine Organe – Augen, Ohren, und alles was er braucht, um in der physischen Welt zu leben – ausgebildet. Bevor seine Organe innerhalb der schützenden Hülle eines anderen physischen Körpers genügend vorbereitet sind, kann der Mensch nicht mit der physischen Welt in Berührung treten. Die Geburt ist der Zeitpunkt, in welchem der Mensch soweit reif ist, daß er ohne eine schützende Hülle mit der Umwelt in Berührung treten kann. Dasselbe ist dann aber noch lange nicht mit dem Ätherleib und Astralleib der Fall. Sie sind noch nicht so weit, daß sie ebenfalls mit der Umwelt in unmittelbare Berührung treten können. Ein ganz ähnlicher Prozeß, wie er vor der Geburt des Menschen mit dem physischen Leibe vor sich geht, geht mit dem Ätherleib in dem Zeitraum von der Geburt bis ungefähr zum siebenten Jahre vor sich. Erst dann, kann man sagen, wird der Ätherleib geboren. Und erst mit dem vierzehnten bis fünfzehnten Jahre wird der Astralleib geboren, der alsdann eine freie, selbständige Tätigkeit gegenüber der Umwelt entfalten kann.“
Passage 2
Erziehungspraxis auf der Grundlage spiritueller Erkenntnis, Berlin, 14. Mai 1906
(S. ca. 64)
„Auf den physischen Leib des Menschen einwirken, heißt, dem Kinde äußere Eindrücke zu vermitteln. Durch die äußeren Eindrücke wird der physische Leib herangebildet. Daher ist auch das, was bis zum siebenten Jahre versäumt worden ist, später kaum noch nachzuholen. Bis zum siebenten Jahre ist der physische Leib in einem solchen Stadium begriffen, daß er durch äußere sinnliche Eindrücke herangebildet werden sollte. Wenn das Auge des Kindes bis zum siebenten Jahre nur Schönes sieht, bildet es sich so heran, daß es das ganze Leben hindurch ein Empfinden für das Schöne behält. Später kann der Schönheitssinn nicht mehr auf die gleiche Weise entwickelt werden. Was Sie dem Kinde im ersten Jahrsiebent sagen oder was Sie tun, ist viel weniger wichtig, als die Art, wie man seine Umgebung gestaltet und was das Kind sieht und hört. Die inneren Wachstumskräfte müssen bis dahin durch die äußeren Eindrücke herangefördert werden. Der frei gestaltende Geist des Kindes formt aus einem Stück Holz, das ein paar Punkte und Striche für Augen, Nase und Mund hat, eine menschliche Figur. Wenn das Kind aber eine möglichst schön geformte Puppe bekommt, so hat es etwas, woran es gebunden ist; daher haftet dann die innere Geisteskraft an dem, was schon da ist und wird nicht zur eigenen Tätigkeit herausgefordert – sie ist gebunden -, und damit geht die gestaltende Phantasiekraft für das spätere Leben überhaupt fast verloren.
So ist es weitgehend mit allen Eindrücken der Sinneswelt. Was Sie selbst in der Umgebung des Kindes sind, was das Kind unmittelbar sieht oder hört, darauf kommt es an. Es wird ein guter Mensch, wenn es um sich gute Menschen sieht. Es ahmt die Dinge, die es um sich herum wahrnimmt, nach. Gerade auf die Nachahmungskraft, auf die Wirkung des Beispiels muß man den allergrößten Wert legen. Daher wird das richtige sein: möglichst viel vormachen, damit das Kind möglichst viel nachmachen kann. In diesem Sinne muß also auf die Pflege des physischen Leibes in der Zeit vom ersten bis siebenten Jahre der Hauptwert gelegt werden. Auf die höheren Leiber kann man in diesem Alter noch nicht durch Erziehungsmaßnahmen wirken, überhaupt nicht durch bewußte Erziehung; sondern auf diese Leiber wirken Sie, solange sie noch ganz mit sich selbst beschäftigt sind, durch das, was Sie eben sind. Ein kluger Mensch wird durch seine Klugheit in dem Kinde selbst die Klugheit zum Wirken bringen. Im übrigen hat sich der Erzieher zu bemühen, in der Umgebung eines Kindes ein möglichst geschlossener Mensch zu sein, möglichst hohe und gute Gedanken zu haben – wie ein gesunder Leib der Mutter gesund auf den Körper des Kindes wirkt.“
Passage 3
Der Lebenslauf des Menschen im Zusammenhang mit der planetarischen Evolution, Berlin, 4. März 1907
(S. ca. 247)
„Was ich Ihnen jetzt geschildert habe, hat dieser Menschenleib alles bis zu einem gewissen Grade mitgemacht. Die Nachspuren dessen, was im Saturn als Bewegung war, haben Sie jetzt im physischen Leib als Schwingungsvorgänge. Wenn also in den ersten sieben Jahren der physische Leib sich entwickelt, so ist das eine Art Wiederholung des Saturndaseins, und deshalb nennt man im Okkultismus die Zeit vom ersten bis siebenten Jahre, also bis zum Zahnwechsel, die Zeit des Saturndaseins. Da sind dieselben Kräfte tätig, die dazumal in ihrer ersten Anlage erschienen sind, als der Mensch nur seinem physischen Leib nach auf dem Saturn entwickelt war. Dann wird geboren der Ätherleib und damit die Kräfte, die mit dem Sonnendasein zusammenhängen. Wir nennen die Zeit vom siebenten bis vierzehnten oder sechzehnten Lebensjahr, in der diese Kräfte tätig sind, das Sonnendasein des Menschen. Sie müssen sich klar darüber sein, daß alle die Kräfte, die dazumal im Menschen waren, als die Kräfte des aufblühenden Lebens, also die Sonnenkräfte, herauskommen und sich entwickeln in der Zeit vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife.“